Das Missverständnis vieler Meditationsbeginner

Wer mit Meditation beginnen möchte, hat meistens ein bestimmtes Bild vor Augen, eine bestimmte Vorstellung, was richtige Meditation sei, was dabei passieren sollte und was dabei nicht passieren sollte. Doch wenn ein Novize sich der Meditationspraxis widmen möchte, stellt er rasch fest, dass das, was bei ihm passiert – oder nicht passiert –, nicht dem entspricht, was seiner Meinung nach idealerweise passieren sollte.
Anstatt im Lotussitz gerade sitzen zu können, bekommt man Rückenschmerzen. Anstatt in Ruhe einkehren zu können, findet der Gedankenstrom keine Rast. Anstatt Beruhigung zu finden, nimmt ein Gefühl von Unruhe und Nervosität zu. Anstatt Emotionen abzukühlen, flammen sie erst recht an die Oberfläche. Anstatt nach einer Woche Meditationspraxis innere Stille zu erfahren, wird man weiterhin von Angst und Wut verwirrt. Insbesondere die Tatsache akuter Gedanken während der Meditation lässt Beginner zu dem Schluss kommen, dass „ihre“ Gedanken zu sehr zwischen ihnen und der Meditation stünden und sie darum nicht meditieren könnten.

Doch all diese Phänomene sind gänzlich normal. Wenngleich es Menschen gibt, denen ein tief meditativer Zustand quasi in die Wege gelegt ist, sind die meisten Menschen unserer hyperaktiven Konsumgesellschaft ganz anders konditioniert. Wir sind darauf trainiert, unsere Gedanken für wichtig zu halten, sich mit ihnen zu identifizieren und konstant unsere Aufmerksamkeit Objekten zu widmen (wozu auch die Gedankenformen zählen). Das heißt aber nicht, dass ein solcher Mensch nicht meditieren kann. Es bedeutet lediglich, dass seine Meditation in der Einstiegsphase und vielleicht auch für eine längere Zeit der Umgewöhnung einen anderen Inhalt hat als die eines in Samadhi versenkten Yogis.

Dass Gedanken der Meditationspraxis im Wege stünden, ist aus etymologischer Sicht ein weit gefehlter Trugschluss. Der lateinische Begriff „meditatio“ bedeutet übersetzt nämlich „Nachdenken“ oder „Nachsinnen“. Der Dreh- und Angelpunkt liegt vielmehr darin, wie wir auf Gedanken reagieren. Die Gedanken kommen automatisch. Wenn wir dasitzen und uns über Gedanken ärgern, ist das so, als würden wir uns über das Wachsen der Fingernägel echauffieren. Doch nur weil unsere Fingernägel wachsen, heißt das nicht, dass wir ihnen eine besondere Beachtung zuweisen. Den Gedanken allerdings weisen die meisten Menschen eine hohe Relevanz zu. Sie identifizieren sich als Denker und glauben den Behauptungen dieser sich mental formenden mentalen Aussagen.

In der Meditation darf alles sein, wie es ist. Allerdings binden wir uns nicht daran und fügen auch nichts hinzu. Meditation bedeutet, uns in das, was ist, nicht zu engagieren und das Bewusstsein sich selbst zu überlassen. Demnach dürfen die anstrengendsten und egozentrischsten Gedanken im Bewusstsein auftauchen. Sie dürfen da sein und werden von dannen ziehen, wenn wir uns auf sie nicht einlassen. Sollten sie uns doch temporär in ihren Bann gezogen haben, was aufgrund jahrelanger Konditionierung unweigerlich geschehen wird, richten wir unsere Aufmerksamkeit zurück auf den Atem, sobald wir unser Abdriften bemerken. Jeder, der sich diesem Prinzip widmet, ist ein erfolgreich Meditierender.

Meditation muss nicht im Lotussitz geschehen. Jede Position, die die Wirbelsäule eher ausdehnt als einklemmt und den Körper symmetrisch ausrichtet, ist dienlich. Dass Unruhe an die Oberfläche kommt, wenn wir uns jeder Ablenkung entziehen, ist notwendig. Wie sonst soll die Gewohnheit achtloser Zerstreuung abtrainiert werden? Nur was voll da ist und sich nicht mehr verstecken kann, kann verändert werden. Für Einsteiger ist Meditation zuweilen Übung in Geduld, Aushalten und Durchhalten. Es kann dauern, bis sich erste gewünschte Veränderungen bemerkbar machen, so dass vor frühem Aufgeben gewarnt sei. Die zwanghaften Mechanismen unseres Verstandes wurden über Jahrzehnte ausgebildet, so dass es vermessen wäre, innerhalb einer Woche eine signifikante Änderung zu erwarten. Das heißt übrigens nicht, dass in so kurzer Zeit nicht schon viel passieren kann, aber es ist keine erwartbare Regel. Es darf passieren, was passiert, egal, was es ist – solange wir beobachten, was passiert und nach Verlust des bewussten Beobachtens die Aufmerksamkeit zurück auf die Beobachtung (des Atems) legen, befinden wir uns in einer wunderbaren Meditationspraxis.

Meditation ist pures Sein. Es gibt viele verschiedene Meditationsvarianten, doch alle zielen auf die Transzendenz unserer zwanghaften Konditionierungen und Identifikationen ab. Wenn du ein Einsteiger in die Meditationspraxis bist, sei schlichtweg beobachtend mit dem, was ist und widme die Aufmerksamkeit immer wieder zurück auf den Atem. Der Sog der Gedanken wird Tumult bereiten, doch es wird ein Moment kommen, in dem er dir bewusst wird und du die Aufmerksamkeit zurück auf den Atem lenken kannst. Diverse Gefühle können aufschäumen wie gewaltige Wellen auf dem tosenden Meer, doch solange du ihnen mit Bereitwilligkeit fühlend begegnest, ist dein Schiff unsinkbar. Es gibt kein Gefühl, dass es nicht wert wäre, bereitwillig gefühlt zu werden. Das ist alles. Natürlich gibt es weitere Tiefen des Bewusstseinsraums, doch die sind für viele Meditationsanfänger vorerst nicht erwähnenswert. Alle Erwartungen und Ansprüche sind ein Missverständnis, das es zu transzendieren gilt.

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