Die Quintessenz von C.G. Jungs Metaphysik nach Bernardo Kastrup

Bernardo Kastrup formuliert im 2021 erschienenen Buch „Decoding Jung’s Metaphysics“ eine gelungene Zusammenfassung der ontologischen Philosophie von C.G. Jung – und erklärt nebenbei die Bedeutung des Lebens. Dabei wird deutlich, wie eng Psychoanalyse, Philosophie und Spiritualität verwoben sind.

Synchronizität
Der berühmteste Begriff aus der jungschen Psychoanalyse, der in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurde, ist der der Synchronizität. Grundsätzlich wird von Synchronizität gesprochen, wenn ein innerer psychischer Vorgang mit einem äußeren physischen Ereignis semantisch akausal korreliert. Die Bedeutungsäquivalenz sollte derart deckungsgleich und unerwartbar sein, dass das Ereignis über die Definition eines Zufalls hinausgeht. Jung gab als prototypisches Beispiel eine Analysesitzung an, in der die Patientin von einem Traum erzählte, in dem sie einen Skarabäuskäfer zum Geschenk erhielt. Just in diesem Moment versuchte ein gattungsgleicher Käfer in den Therapieraum einzudringen:

„Es war die nächste Analogie zu einem goldenen Skarabäus, welche unsere Breiten aufzubringen vermochten, nämlich ein Scarabaeide (Blatthornkäfer), Cetonia aurata, der gemeine Rosenkäfer, der sich offenbar veranlasst gefühlt hatte, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten in ein dunkles Zimmer gerade in diesem Moment einzudringen.“ 1

Synchronizität ist nicht Kausalität. Kausalität verhält sich zur Synchronizität wie die Newtonsche Mechanik zur Quantenphysik, so Kastrup. Eine materialistische Denkweise steht hier auf dem Schlauch und fragt ungläubig: Wie kann ein innerpsychischer Vorgang mit einem äußeren physischen Phänomen derart verbunden sein? Die Antwort ist simpel: Weil es nichts Nicht-Psychisches gibt. Die physische Erscheinungswelt ist das Unbewusste, wie es sich einem menschlichen Ego-Bewusstsein präsentiert. Im Gegensatz zu Freud sieht Jung das Unbewusste als eine eigenständige aktive und kreative Instanz, nicht nur als passiven Aufbewahrungsort verdrängter oder verworfener Inhalte des Ego-Bewusstseins. Gemäß Jung offenbart sich das Unbewusste dem Ego-Bewusstsein in zwei Varianten: Innerpsychisch durch Träume und Visionen, äußerlich durch die Sinnesinhalte. Die Verbindung zwischen Ego-Bewusstsein und dem Unbewussten ist nicht auflösbar, weil das Ego-Bewusstsein aus dem Unbewussten geschmiedet wird.


Das kollektive Unbewusste und Ego-Bewusstsein
Ego-Bewusstsein ist laut Jung etwas, das innerhalb irdischer Lebensformen menschenspezifisch ist. Damit negiert er natürlich nicht psychische Prozesse in anderen Lebewesen, doch nimmt an, dass nur der Mensch über eine Kenntnis seiner psychischen Prozesse verfügt. Psychische Prozesse können demnach ohne Ego-Bewusstsein stattfinden und ebenso können psychische Prozesse stattfinden, ohne dass ein Ego-Bewusstsein Zugriff darauf hat. Bei Jung wird das Unbewusste dadurch definiert, dass es nicht über assoziative Introspektionsbrücken mit dem Ego-Bewusstsein verbunden ist. Von diesem Kriterium abgesehen können die Inhalte des Unbewussten in jeder Hinsicht ununterscheidbar von den Inhalten des Ego-Bewusstseins sein. Dass Inhalte des Unbewussten nicht dem Ego-Bewusstsein zugängig sind, heißt demnach mitnichten, dass sie weniger da wären. Sie sind so viel weniger da wie ein Bewusstseinsinhalt eines vergangenen Erlebnisses, das nach längerer Vergessenheit wieder klar in unserer Erinnerung tritt. Die vermeintliche Nicht-Verbundenheit ist lediglich eine temporäre Dissoziation. Diese relative Dissoziation ist für das Phänomen vermeintlicher Autonomie und Isolation des Ego-Bewusstseins unumgänglich, da es daraus seine Dritte-Person-Perspektive überhaupt erst speist. Nebenbei bemerkt: Jung beschränkt kognitiv isolierte Phänomenalität nicht auf menschliches Ego-Bewusstsein, sondern postuliert eine „veritable Population irgendwie bewusster Instanzen mit jeweils eigenen Erfahrungsinhalten“2. Solche nicht-humanen Bewusstseinszentren wären aufgrund Inkongruenz dem menschlichen Ich zwar in der Regel unverständlich und unzugänglich, könnten aber nichtsdestotrotz gegebenenfalls darauf einwirken.

Die Struktur des kollektiven Unbewussten wird durch das definiert, was Jung Archetypen nennt. Archetypen sind als ursprüngliche, apriorische Schablonen psychischer Aktivität primäre Organisationseinheiten von Bewusstseinsinhalten. Archetypische Muster werden insbesondere in Traumsymbolen offenkundig, denen eine gewisse Bedeutungsformalität zugrunde liegt und die außerhalb willentlicher Kontrolle Basismechanismen des Lebens offenbaren. In dem Maße, in dem sie sich der vollständigen Kontrolle des bewussten Willens entziehen, entfalten sich unsere Emotionen, Überzeugungen, Gedanken und Verhaltensweisen nach Mustern, die diese archetypischen Vorlagen widerspiegeln. Beispielsweise wird das Innenleben und das Gebaren einer Mutter gegenüber ihrem Kind vorrangig durch den sogenannten Mutterarchetyp bestimmt. Weitere Beispiele für Archetypen sind Animus und Anima als sich ergänzende Seelenteile des Maskulinen und Femininen, das Kind als verspielt-natürliche Lebensfreude, der Held gemäß dem Paradigma einer durchsetzungsstarken Heldenreise oder der Trickster als undifferenzierter Schelm. Aus der Gesamtheit aller Archetypen als primordiale Urformen ergibt sich die Struktur des kollektiven Unbewussten und folglich die Prägung der Menschheit mit all ihren individuellen Gedanken, Gefühlen, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen. Zusammenfassend heißt das: Von einem unhintergehbar absoluten Bewusstsein werden unhintergehbare Grundkonstellationen psychischer Erscheinungsformen entworfen, aus denen sich eine kollektiv unbewusste Welt gestaltet, die ein persönliches Unbewusstes und letztendlich ein Ego-Bewusstsein generiert.


Sinn menschlichen Lebens
Während die Ego-Persönlichkeit nur ein Teil menschlicher Existenz ist, strebt das Leben immanent nach Ganzheit. Daher ist unser Leben stets von der Dialektik des Bewussten und Unbewussten bestimmt. Nach Jung ist das Ziel dieses universal dialektischen Prozesses eine möglichst ganzheitliche Integration von Bewusstem und Unbewusstem beziehungsweise die Assimilation der Ego-Persönlichkeit an eine ultimativere Bewusstheit. Kastrup stellt schließlich die Frage, was der Sinn unseres Lebens als winzig kleine psychische Instanzen innerhalb der unergründlichen Unermesslichkeit des kollektiven Unbewussten sei. Die Antwort liefert er auf dem Fuße, folgend in Form meiner Übersetzung:

Selbstreflexion. Bewusste Metakognition, das Meta-Bewusstsein, unsere Fähigkeit zu wissen, dass wir erleben, uns als Subjekte von unseren eigenen objektivierten psychischen Inhalten zu trennen – das ist, wozu Gott uns braucht! Obwohl er über überlegene und sogar allwissende Kenntnis verfügt, kann Gott sein gesamtes Wissen nicht abrufen, d.h. die Gottheit kann nicht bewusst introspektiv reflektieren, wie wir es können. Stattdessen ist Gott sowohl instinktiv als auch geistig und umgibt uns von beiden Enden des psychischen Spektrums (physisch und visionär) – ohne bewusst im jungschen Sinne zu sein. Erst durch uns erlangt das Göttliche selbstreflexives Bewusstsein. ‚Das Auge verhält sich zur Sonne wie die [menschliche] Seele zu Gott‘, erklärt Jung in wunderbar aphoristischen Worten, ‚ein Auge, das dazu bestimmt ist, das Licht zu schauen‘. Deshalb will ‚Gott Mensch werden‘ durch biblische Inkarnation. Wir sind als inkarnierte Funken des göttlichen Wesens hier, um Gott einen Dienst zu erweisen. Als solcher Funke sollte ‚das Leben des Menschen aufopfernd sein, d.h. einer Idee geopfert werden, die größer als der Mensch ist‘. Diese größere Idee ist die göttliche Selbsterkenntnis.³

Zu dieser Antwort auf die essentiellste Frage des Lebens ergänzt Kastrup, dass die Wirkung zwischen dem Unbewussten und unserem Bewusstsein wechselseitig sei. So wie das Unbewusste auf uns wirkt, so wirke die Steigerung unseres Bewusstseins auch auf das Unbewusste.4 Dementsprechend darf die gesamte Welt als eine unendliche Synchronizität verstanden werden. Allein durch das Nachsinnen über das Leben und die Welt tragen wir automatisch zur Selbsterkenntnis Gottes bei, unabhängig davon, ob uns das bewusst ist. Die jungsche Philosophie geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die menschliche Selbstreflexion [ist] nicht nur der Sinn der Existenz, sondern in gewissem Sinne auch das, was Sinn und Existenz überhaupt erst ins Dasein bringt: Jung spricht davon, dass ‚die Existenz durch die Reflexion im Bewusstsein real wird‘, denn ‚ohne das reflektierende Bewusstsein des Menschen ist die Welt eine gigantische sinnlose Maschine‘.“5


Tod
Und was bedeutet es für den Tod, wenn das sichtbare Ich-Körper-System nicht das wahre Selbst ist, sondern von dem wahren Selbst in die Existenz gedacht wird? Kastrup erklärt: „Wenn unser wahres Selbst das kollektive Unbewusste ist, dann ist es für uns alle, sogar für alle Lebewesen, dasselbe. Der Tod bedeutet das Ende der individuellen Identität und die Rückkehr zu einem undifferenzierten Zustand, ähnlich dem, was Schopenhauer als ‚das eine Auge der Welt, das aus allen wissenden Geschöpfen herausschaut‘, bezeichnet.“6 Während einer Nahtoderfahrung hat Jung die Erfahrung gemacht, dass seine empirische Persönlichkeit abgetrennt wurde, er aber dennoch eine ursprünglichere Form individueller Identität behielt. Darum hält er die Möglichkeit von Wiedergeburt vorstellbar, was das Fortbestehen einer gewissen Form von individueller Identität nach dem körperlichen Tod voraussetzt. Aber selbst wenn mehrere intermediäre Selbstebenen zwischen Ego-Bewusstsein und Gott gegeben sind, wären diese nicht weniger illusorisch als das Ego-Bewusstsein. Schlussendlich identifiziert Jung das kollektive Unbewusste als Gott und betrachtet die Lebewesen als Inkarnationen Gottes, die dazu bestimmt sind, Selbstreflexion zu erreichen. Dementsprechend, so schließt Kastrup, erkenne Jung an, dass das ultimative Selbst Gott ist und als solcher singulär und undifferenziert.7

Ein Tag nach dem Schreiben dieser Zeilen hat bei einem Waldspaziergang ein Mistkäfer (Geotrupidae), der ebenfalls zur Familie der Scarabaeoidea gehört, meinen Weg exakt gekreuzt – meine diesjährig bisher einzige Begegnung mit dieser Art. Zufall?


[1] C. G. Jung: Gesammelte Werke.Bd. 8, S. 497.
[2] Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 36.
[3] Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 94.
[4] Vgl. Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 95.
[5] Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 95.
[6] Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 97.
[7] Vgl. Bernardo Kastrup: Decoding Jung‘s Metaphysic. S. 97.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies.

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close