Marvin hat sein Bett gemacht

Als Marvin auf die Uhr schaute, war es schon sehr früh. Er wollte doch an diesem Tag zu spät kommen. Nun muss er sich noch einmal die Schuhe ausziehen und sich erneut auf sein bereits gemachtes Bett legen. Zehn Minuten später begibt er sich auf den Weg zur Haltestelle der S-Bahn, schlendernd, Leute freundlich grüßend, ein bisschen vor sich hinträumend und die faszinierenden Klarheit des herrlich hellblauen Himmels bestaunend. Es wird knapp, er ist fast an der Haltestelle und die Bahn steht noch dort mit offenen Türen. Das Glück ist aber auf seiner Seite und er verpasst sie, als sie in Reichweite ist. “Die nächste Bahn ist so sicher wie in ein christlicher Popel in der Nase des Papstes”, murmelt er scherzend vor sich hin und begibt sich auf die Bank der Haltestelle. Ein ältere Frau kommt hinzu, lässt sich neben ihm nieder und spricht ihn an: “Ich habe sehen können, wie sie ihren Zug knapp verpasst haben, haben sie es denn eilig?” Marvin lächelt milde: “Ich bin nicht im Entzug. Zügigkeit ist eine Droge.” “Wie meinen Sie das?” fragt die Frau irritiert. “Je zügiger wir etwas verrichten, desto rascher erhalten wir das Glücksgefühl des Abschlusses. Entschuldigen Sie mein obligatorisches Wortspiel der Verbindung des Wartens auf einen Zug mit Zügigkeit als eine Droge, von der unglaubliche viele Menschen abhängig zu sein scheinen.” Skeptisch betrachtet die Frau den Kauz aus dem Augenwinkel und hofft, das komische Gespräch nicht weiter fortführen zu müssen.

“Wohnt in Ihnen etwas Arges?”, fragt Marvin. “Was soll denn die Frage?” “Mir ist ihr argwöhnischer Blick nicht entgangen. Wissen Sie, wir alle sind da. Wenn wir schnell an einer anderen Stelle sind, dann sind wir nicht weniger da. Wir sind dann nur an einer anderen Stelle da.” “Aber möchten Sie denn nicht den Tag nutzen und erledigen, was die Zeit ermöglicht?”, fragt die Frau so verdutzt wie interessiert. “Hätte ich den vorherigen Zug bestiegen, wäre unser Gespräch nicht zustande gekommen. Das Nicht-Sein im Zug ermöglicht das Hier-Sein mit Ihnen. Wovon profitieren Sie nun mehr? Von meiner gemütlichen Gesellschaft oder von einer Eile?” “Nunja, derzeit leisten Sie mir zugegebenermaßen interessante Gesellschaft, von daher fällt die Antwort klar für die erste Variante aus. Aber darum geht es ja nicht – es geht darum, dass sie ihren Einkauf erledigen können oder zu ihrer Arbeitsstelle kommen oder derartiges, nicht wahr?” Marvin wartet einige Sekunden Stille ab, bevor er seine Gegenfrage formuliert: “Was bedeutet ‘um etwas gehen’ für sie? Wörtlich verstanden würde man im Kreis um etwas laufen. Wenn man um etwas geht, kommt man nicht an. Da steckt also auch eine ganze Menge Eile drin, die einen nicht besonders weit bringt.” “Ich meinte damit, dass man auf etwas hinaus will, dass man ein Ziel hat, das es zu erledigen gilt.” “Betrachten wir auch diese von Ihnen gewählten Wörter. Das ‘auf etwas Hinauswollen’ klingt nach dem mühevollen Besteigen eines Berges. Von dort hat man sicher eine wunderschöne Aussicht. Aber herunter muss man trotzdem wieder. Ein chronisches Hinauswollen überlasse ich dem mythologischen Sisyphos. Dann sprachen Sie davon, dass es etwas zu ‘erledigen’ gibt. Dieses Wort scheint eng verwandt zu sein mit den Begriffen des Erlegens und des Entledigens. Wissen Sie, ich habe kein Interesse daran, etwas oder jemanden niederzustrecken. In diesem Zusammenhang fällt mir der gängige Begriff der ‘Deadline’ ein. Merken Sie, wie sich martialische Bedeutungsebenen in unseren Sprachalltag subtil eingeschlichen haben? Die kapitalistische Ideologie verkleidet sich als alternativlose Normalität, doch für Menschen mit offenem Herzen ist diese Verkleidung transparent. Gleichermaßen ist es weniger mein Anliegen, mich von einem Ziel durch sein Erreichen zu entledigen, als vielmehr mich mit ruhevoller Freude auf einen ideellen Ort zuzubewegen. Jedes erreichte Ziel ist ein kurzfristiger Dopaminrush für den ökonomisch Übereifrigen, der dem Paradigma der Effizienz als Lebensmotto, wenn nicht sogar als einer Art insgeheimen Religion frönt. Doch für den Herzensmenschen, der mit Gemütlich- Bereitwillig- und Zeitlosigkeit seine Tätigkeiten verrichtet, ist das Erreichen des Ziels lediglich der Ausklang einer schönen Schaffensphase. Zur Freude der Fertigkeit gesellt sich die Trauer des Abschieds, des Tods dieses spezifischen Produktionsprozesses. Wenn Sie Ihr Leben ständig nach Zeitstaffelungen abarbeiten, leben Sie nicht, Sie funktionieren. Wenn Sie in die nächste Bahn einsteigen, um an Ihr Ziel zu gelangen, um Ihre Aufgabe zu erledigen, funktionieren Sie effektiv. Wenn Sie der Bushaltestelle den Rücken zukehren, in den Park zwei Straßen weiter spazieren und ihre Aufmerksamkeit der Diversität der Pflanzen und Tiere, der frischen Luft und der inneren Weite des Bewusstseins widmen, funktionieren Sie nicht mehr effektiv. Doch das Leben lebt und entdeckt seine faszinierende Vielfalt, schöpferische Genialität und immanenten Frieden durch Sie und je mehr Sie in diese Beobachtung eingehen, desto mehr werden Sie selbst zu diesem Leben unendlicher Schönheit. Natürlich sind wir das bereits, doch wie sehr, ach wie sehr, vergessen wir es innerhalb des Paradigmas des Erledigens und des hoch Hinauswollens? Das Höchste ist bereits da. Geben Sie sich die Möglichkeit, es bewusst zu sein.” Die Frau lächelte und verstand Marvins Ansatz nicht ganz, doch empfand – wenngleich die Tiefe der Implikationen seiner Worte ihr nicht zugängig waren – eine gewisse Wahrhaftigkeit mitschwingen, die ihr ein wohliges Gefühl hinterließ.

Die nächste Bahn fährt ein. “Na endlich”, sagt die Frau, erhebt sich und steigt ein. Marvin steht ebenfalls auf, schaut auf den Fahrplan und begibt sich auf den Weg zurück in seine Wohnung, wo er sich erneut auf das gemachte Bett legt: “Später kommt auch noch eine Bahn”. Er freut sich über die Vollständigkeit seines Seins im gemachten Bett.

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