Der autoritäre Charakter – eine Bestandsaufnahme

Durch die Hedonisierung des Lebens in den letzten Jahrzehnten galt die Persönlichkeitsstruktur des Autoritären Charakters, wie ihn Fromm und Adorno beschreiben, als abnehmendes Phänomen. Infolge der Coronakrise gelang der Autoritäre Charakter wieder an Aufwind. Allerdings tritt er weniger als spezifisch individuelle Persönlichkeit in Erscheinung, sondern als Bündel von Verhaltensphänomenen, die kollektiv zunahmen beziehungsweise an die Oberfläche kamen. Ohne frühkindliche Traumatisierung sind entsprechend rigide Verhaltensweisen nicht möglich, da ihnen ein zwischenmenschlicher Verbindungsverlust vorausgegangen sein muss. Egal ob wir die Züge bei uns selbst oder bei anderen ausmachen, die richtige Antwort lautet immer Verständnis und Liebe. Zur Bewusstmachung ist es nichtsdestotrotz sinnvoll, entsprechende Merkmale des autoritären Syndroms zu vergegenwärtigen. Ich habe sie diesem Paper entnommen.

Konventionalismus

Es existiert eine Unterwürfigkeit gegenüber der anonymen Macht des “man” – “man” tut grundsätzlich nur, was alle machen: “Was sollen sonst die Leute denken?”. Dem entspricht eine untertänige Obrigkeitshörigkeit, die sich in ihrem Verhalten ausschließlich danach richtet, was von höchster Stelle explizit erlaubt ist. Konformität und anpassende Unterwerfung unter aktuelle Erwartungen werden zwanghaft ausgeführt. Daraus folgen Misstrauen und Feindseligkeit gegen Außenseitertum, das bei ersten Anzeichen von Eigenwilligkeit gewittert wird. Verbunden damit ist eine Neigung zur Denunziation von Abweichlern sowie Ablehnung von gesellschaftlicher Kritik.

Verachtung des Gemüts

Die Menschlichkeit des lebhaften Gefühlsausdruck wird als realitätsferne Befindlichkeit abgetan. Was normales menschliches Bedürfnis ist, wird als Gefühlsduselei gedeutet und somit dessen Relevanz aberkannt. Sensible Menschlichkeit wird als Schwäche gedeutet und Gefühllosigkeit idealisiert. Es geht darum, etwas auszuhalten und sich „nicht so anzustellen“, um den Anforderungen des kulturellen Systems zu entsprechen. Lebensenergie wird unterdrückt und unter starren Strukturen begraben. Die emotionale Dissoziation ist mutmaßlich die Kernwunde des Autoritären. Das Gefühl liebevoller Verbundenheit zu allem Lebendigen wird ersetzt durch mentale Ideen und Konzepte, die beherrschbar gemacht werden sollen. Regeln und Gesetze werden höher gewichtet als menschliches Wohlbefinden in dem Sinne, dass der Mensch für die Gesetze da sei und nicht umgekehrt. Menschlicher Gemeinschaft wird ihre existentielle Bedeutung abgesprochen.

Phobische Mentalität

Die Welt und das Leben werden grundsätzlich als bedrohlich und gefährlich aufgefasst. Adorno bezieht die phobische Mentalität auf eine Angst vor fremden Menschen und Kulturen. Aktuell werden aber selbst Mitglieder der eigenen Familie zu potentiellen Todesbringern verdinglicht, von denen es gilt, sich zurückzuziehen. Die phobische Mentalität ist eine Folge der entwicklungstraumatischen Idee, von anderen Menschen ginge eine Gefahr aus. Wenn im aktuellen Geschehen Lehrer Schüler isolieren, weil sie eine Hygieneregel nicht adäquat befolgen, ist auf Seiten des Lehrers jede pädagogische Bildung gescheitert. Diesbezügliche Beispiele sind derzeit unzählig.

Manichäische Denkweise

Es herrscht eine starke Neigung zu dualistischem Schwarz-Weiß-Sehen. Der Multipluralität und Ambiguität des Lebens wird eine vermeintliche Eindeutigkeit übergestülpt. Adorno bringt als ein Beispiel die sogenannte Herrenrasse gegenüber sogenanntem unwerten Leben. Im aktuellen Diskurs zeigt sich das in vielerlei Richtungen. Eine gedachte eigene Gruppe wird als Gruppe der Richtigen gedeutet, eine andere Sichtweise als Irrtum verunglimpft, Graubereiche ausgeblendet.

Geistige Rigidität

Eine Starrheit des Denkens geht bis ins Unerbittliche. Damit einher geht die Unwilligkeit, ein komplexes Problem in der Schwebe zu belassen. Es gibt eine Tendenz zum voreiligen Akzeptieren von Klischee-Lösungen aufgrund einer Unfähigkeit, Widersprüche auszuhalten. Dem entspricht Abwesenheit intellektueller Beweglichkeit oder Kreativität sowie Widerwillen gegen die Möglichkeit, auch einmal “fünfe gerade sein zu lassen”. Bemerkenswert ist das Fehlen der Einbildungskraft, sich etwas Gegebenes anders vorzustellen (“Es ist halt nun mal so!”) sowie Neigung zu groben Vereinfachungen. Geistige Rigidität zeigt sich regelmäßig in Verständnislosigkeit gegenüber Lebensausdrücken anderer, die sich nicht so verhalten, wie rigides Denken es für richtig bestimmt.

Pharisäische Selbstgerechtigkeit

Adorno bezieht dieses Thema vor allem auf Sittlichkeit und Moral. Die vermeintlich Sittlichen verteidigen ihre moralischen Prinzipien durch Gewalt und Hasstiraden. Ein heutiges Beispiel sind Antifa-Gruppierungen, die sich vor heterogene und harmlose Menschengruppen stellen und „Nazis raus“ brüllen. Ein weiteres Beispiel sind Menschen, die andere anpöbeln, weil sie keine Maske tragen, und nicht einmal in Erwägung ziehen, dass der Angepöbelte unter einer Lungenkrankheit leiden könnte. Die Pharisäische Selbstgerechtigkeit zeigt sich strukturell in dem Phänomen „Cancel Culture“.

Projektionstendenz

In der klassischen Psychoanalyse ist damit gemeint, dass libidinöse und aggressive Trieb-Impulse, die der autoritäre Charakter an sich selbst nicht wahrnehmen darf, an anderen ausmacht. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, dass im Außen ein Grund für die Ladung im eigenen Nervensystem gesucht wird. Eigene verdrängte Regungen werden so für die Hauptmotive bestimmter Personen oder Gruppierungen gehalten. Hierzu zählt die Bereitschaft der autoritären Persönlichkeit, “Sündenböcke” ausfindig zu machen, an der sie sich für alle Enttäuschungen und die Unerfülltheit des eigenen Lebens rächen kann. So werden aktuell Menschen, die sich nach einem Winter isolierter Entbehrung ans sonnenbeschienene Wasser begeben, als unverantwortliche Egoisten bezeichnet. Menschen, die sich für Grundrechte einsetzten, wurden zu Sündenböcken gemacht, die Schuld am Virusgeschehen seien. Umgekehrt passiert es natürlich auch, dass Politiker als Ausgeburten des Bösen bezeichnet werden und fälschlicherweise als Grund endogener Hassregung angenommen werden.

Anale Fixierung

In der analen Phase wird das Kind mit Reinlichkeitsforderungen der Eltern konfrontiert und erlernt Kontrolle über seine Ausscheidungen. Psychoanalytiker sind davon ausgegangen, dass eine Reinlichkeitsdressur, die mit besonderer Härte ohne Gemütswärme und mit der Forderung nach unbedingtem Gehorsam durchgeführt wird, eine anale Fixierung bewirkt. Der sogenannte anale Charakter ist durch die Triade Ordnung/Sauberkeit, Sparsamkeit/Geiz und Pedanterie gekennzeichnet. Übertriebene Genauigkeit wird auch von anderen Menschen geradezu zwanghaft penibel erwartet. Personen mit analem Charakter sollen außerdem zu Rationalisierung, Starrsinn und Isolation neigen. Den Deutschen wird eine besonders starke Ausprägung von analer Fixierung zugeschrieben.

Neigung zur Übernahme totalitärer Ideologien

Fromm sah als primären Grund der autoritären Ausbildung die Unfähigkeit von Menschen, mit prinzipieller Freiheit umzugehen, so dass sie vor dieser selbstverantwortlichen Freiheit in eine konforme Sicherheit und Autoritätsorientierung fliehen. Der autoritäre Charakter ist dazu prädestiniert, auf antidemokratische Tendenzen anzusprechen. Wir sehen antidemokratische Tendenz gerade aus Richtung der Mehrheit: Es werden immer lebensfeindlichere Maßnahmen etabliert, unhinterfragt abgenickt und medial nicht kritisch beleuchtet. Polizei geht gewaltsam gegen Menschen vor, die gegen diese Vorgänge friedlich demonstrieren. Das Konzept der Hygiene ist zu einem totalitären Grundsatz geworden, der demokratischer Freiheitlichkeit nicht zu unterliegen scheint.

Verdinglichung des Lebens

Laut Adorno ist ein Kennzeichen ein “Verdinglichtes Bewusstsein” im Sinne der Vorstellung, selber ein Ding oder Objekt zu sein, das irgendwo “zum Einsatz kommt”. Dazu zählt die Neigung, auch andere Menschen den Dingen gleich, also sich verfügbar zu machen. Auffällig sind Emotionslosigkeit und die Unfähigkeit, menschlichen Verbindungen den Vortritt gegenüber der Verdinglichung zu lassen. So kommt es zu Hektik und blinden Aktionismus, einem besessenen Willen “of doing things”, sogenannter Organisations- oder Kontrollwut. Letztendlich zeigt sich dies in rein instrumenteller Rationalität. Projekte sollen mit höchster Effizienz erledigt werden, ohne dass menschlich-emotionale Belange miteinbezogen werden.

Aus klassisch psychoanalytischer Sicht bildet sich der autoritäre Charakter aus, wenn aggressiv-triebhafte und andere Bedürfnisse des Kindes durch Gehorsamkeitsforderungen zu stark unterdrückt werden. Mit anderen Worten bildet sich das autoritäre Syndrom aus, wenn Grundbedürfnissen nicht genügend Raum zuerkannt und die daraufhin aufkommende Wut unterdrückt wird, um nicht an Liebeswert zu verlieren, so dass die innere Lebensregung nicht gelten darf, um einem äußeren System zu entsprechen. Insofern wäre zu befürchten, dass durch die unerbittliche Oktroyierung der Coronaregeln auf die Jugend, die diese ohne nennenswerte Gegenwehr befolgt – wer will schon andere gefährden –, die Dynamik des autoritären Charakters der nächsten Generation implementiert wurde.

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