Die Mauer

Als er aufwachte, spürte er die Kälte in jedem Körperteil. Noch wollte er die Augen nicht öffnen. In der eigenen Dunkelheit zu bleiben gab das Gefühl eines gewissen Schutzes. Die Außenwelt konnte so nicht vollständig eindringen. Sie blieb eine Ahnung, die im Körper gespürt wurde, aber durch die visuelle Entbehrung nicht gänzlich zu ihm vordringen konnte. „Als ich gestern einschlief, war es noch warm“, dachte er sich. „Nun hilft mir die Bettdecke reichlich wenig.“ Etwas stimmte nicht, soviel war klar. Selbst die Luft roch anders als am vorherigen Abend, muffiger, eiserner, bitterer. Immer wieder fing sein Körper an zu zittern. Schließlich überwand er sich und öffnete die Augen. Vor ihm war eine Mauer, eine alte verkommene Mauer, mit brüchigem Mörtel, voller Moos und Dreck. Hastig drehte er sich um. Auch auf der anderen Seite seines Bettes befand sich eine Mauer, genauer gesagt war sein Bett an allen vier Seiten von einer Mauer umgeben. Sie reichte unzählige Meter nach oben, als würde er sich am Boden eines Brunnenschachtes befinden. Schnell schloss er wieder die Augen in der Hoffnung, sich nur in einem Traum zu befinden, erneut aufwachen zu können und wieder im eigenen Schlafzimmer zu sein. Doch so sehr er sich kniff und eifrig nachdachte, als er wieder um sich sah, fand er das Vorherige vor. Ein Blick nach oben traf auf den von grauen Wolken verhangenen Himmel, der vom Dunkel des Mauerwerks eingeengt war. So saß er also voller Schrecken da, fror und wusste nicht wohin. Was war das für ein sinnloser und umso furchtbarer Zauber? Er hatte nicht die geringste Ahnung, was das sollte, aber dass er so nicht weiterleben könne, das war klar. Kontinuierlich wechselten sich Gedanken „Ich muss hier raus“ und „Ich komm hier nicht mehr raus“ ab. Rufen und Schreien brachten übrigens gar nichts, niemand tauchte oben auf. Natürlich versuchte er auch, an der Wand heraufzuklettern. Er klemmte seine Finger und Zehen in die engen Ritzen und Unregelmäßigkeiten der Steine und bemühte sich, so Dezimeter für Dezimeter hinaufzusteigen. Doch spätestens nach einem Meter fiel er wieder hinunter. Die Steine waren zu glitschig, die greifbaren Flächen zu eng und klein. Was blieb ihm übrig, als sich in sein Schicksal zu ergeben. Aus eigener Anstrengung konnte er der kalten Tiefe nicht entkommen. Dass fremde Hilfe unerwartet erscheint und ihn aus seiner misslichen Lage befreit, war inzwischen mehr als unwahrscheinlich. Also legte er sich wieder hin, deckte sich zu, schloss die Augen und harrte aus, ohne weiter über seine Situation nachzudenken. Sein Atem wog schwer, aber er akzeptierte seine Furcht. Schließlich schlief er nach einer langen Zeit stillen Liegens schwer erschöpft ein. Als er wieder aufwachte, befand er sich in der Mitte des Brunnens, pitschnass. Es hatte einen Wolkenbruch gegeben, die grauen Wolken waren schwarz geworden und haben sich dermaßen ergossen, dass sich in seinem Erdgefängnis so viel Wasser angesammelt hat, dass er mit seinem Holzbett nach oben getragen wurde. Sein ganzer Körper bebte vor Kälte. Bald würde er erfrieren, wenn auch näher an der Erdoberfläche. Langsam klärte sich aber der Himmel, bis schließlich die Sonne auf ihn strahlte und ihn wärmte. Ein letzter Mut keimte in ihm auf und er rief aus Leibeskräften um Hilfe. Tatsächlich wurde er gehört. Ein Mann erschien am oberen Rand, erkannte die Problematik sofort und eilte, um ein Seil zu holen und den Zitternden ins Licht zu ziehen.

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