Ender’s Game – Ödipuskomplex, Level: Hollywood

Orson Scott Cards Roman Ender’s Game ist ein ausgeprägt antimilitärischer Text, ein in seinen Erzählsträngen differenzierter Antikriegsroman. Gavin Hoods Hollywoodadaption simplifiziert die Story um ein Vielfaches. Sie wird auf die ödipale Entwicklung des Protagonisten und einen zu erwartenden Twist am Ende des Films reduziert. Umso schlimmer, dass Card selbst am Drehbuch beteiligt war, wenngleich es vor dem Hintergrund, dass er ein Befürworter des amerikanischen Krieges gegen den Terror ist, nicht verwundert.

Freud dachte den Ödipuskomplex als Prozess eines Jungen, der sich in einer Liebesbeziehung zu seiner Mutter befindet und den Vater als Konkurrenten wahrnimmt, als phallische Gesetzesinstanz, die – wie Lacan es interpretiert – die duale Verbindung als Dritter aufbricht. Um zu Reife zu gelangen, muss sich der Junge von der einseitigen mütterlichen Verhaftung lösen und den Vater nicht mehr als Kastrationsdrohung wahrnehmen, sondern als Vorbild, in dessen Rolle er schlüpft. Der Film inszeniert diese Strukturen offensichtlich. Bereits bei Enders Eintritt in die Raumstation analysiert Major Anderson, dass er einerseits die beherrschende Vaterfigur zufriedenstellen wolle, ihr andererseits aber den Mangel an Zuneigung verüble.

Colonel Hyrum Graff fungiert im Film als väterliche Instanz, als herrschender Bedeutungsträger. Er führt Ender aus dem Schoße der Familie in den Aufstieg in der Kampfschule, integriert ihn in das große Andere der Absolutheit des Militärs. Das mütterliche Prinzip wird von Enders Schwester Valentine sowie zuweilen von Anderson bedient. Valentine ist immer dann zugegen, wenn Ender aus dem Regelwerk des großen Anderen herausfällt, als Moment der bedingungslosen Anerkennung seines Seins. In diesem Sinne verteidigt Major Anderson das emotionale Innenleben Enders zuerst in Bezug auf das Spiel in der Handheld-Konsole und des Weiteren innerhalb des realen Spiels, während Graff entweder in diesem Spiel klare Regeln oder ansonsten dessen Löschung fordert. Wie auch innerhalb der sonstigen Ausbildung befolgt Ender in diesem Spiel die Maxime des bedingungslosen Tötens, ganz im Sinne der Vaterfigur. Die meiste Zeit des Films kann von antimilitärischer Prägung keine Rede sein, vielmehr wird vermittelt: Gehorche bedingungs- und rücksichtslos dem Vater (der Regierung), denn dies ist nicht nur nötig, um deine Familie vor dem Feind zu schützen, sondern bringt dir Ranghöhe und Auszeichnung. Diese propagandistische Schlichtheit wird durch den ödipalen Zweifel verdeckt: Ender kehrt sich von Graff ab und wird von Anderson in empathischen Schutz genommen. In der harmonisch-ungezwungenen Atmosphäre der Bergseeszenerie kehrt Ender vollkommen in das Gespräch mit Valentine ein.

Doch es kommt zur Überwindung des Komplexes: Die Schwester als mütterliche Figur überzeugt ihn, den Forderungen der Vaterinstanz zu folgen. Die Vaterfigur wiederum erlaubt die freie Kommunikation mit der mütterlichen Instanz. Die Kastrationsdrohung ist für den Protagonisten aufgehoben, weil er nun den Platz des Vaters auszufüllen bereit ist: Ender ist reif, übernimmt Verantwortung und wird Commander. Damit ist er wiederum erneut vollständig auf die propagandistische Schiene gesetzt, bis zu dem Moment, in dem das Spiel kein Spiel mehr ist beziehungsweise die Realität sich als virtuelles Spiel entpuppt. Dass das Reale und das Spiel stets verknüpft sind, wird bereits von dem Handheld-Game vorweggenommen, indem dort der Bruder als Bote des Todes auftaucht („Now you’re a killer“). Dementsprechend ist fraglich, ob der Film nun tatsächlich aussagt, dass Krieg kein Spiel ist, und zu Toleranz und Anteilnahme ermahnt (wie es politisch korrekt wäre und auch von Hood behauptet wird), oder er nicht doch vermittelt, dass in jedem Krieg auch ein Stück Spiel steckt, das es sich lohnt zu spielen.

Während im Buch das Auslöschen der Rasse einen Weltkrieg auf der Erde zur Folge hat, bleiben im Film nur Gewissensbisse eines kleinen Jungen, der im Garten ein Überraschungsei entdeckt. Die dezidierte Kriegskritik ist damit auf einen kleinen Appendix geschrumpft, sie ist nicht konstitutiv, sondern supplementär. Man muss so weit gehen zu sagen, dass die Kriegskritik nur insofern zum Tragen kommt, als dass sie das militärische Narrativ des folgsamen Soldaten stabilisiert. Ohne das Ende würde jeder sagen: „Welch ein schrecklicher Propagandafilm.“ Mit diesem Ende sagt dies wegen des Endes niemand mehr. Jedoch bleibt ein schrecklicher Propagandafilm, lediglich mit einem Ende, das nicht zulässt, ihn einen schrecklichen Propagandafilm zu nennen. Es passiert genau das, was Žižek als das Autoritätsmodell des 21. Jahrhundert beschreibt: Der Chef gibt sich als dein Freund aus, deswegen kannst du dich nicht von ihm distanzieren, doch unter der freundschaftlichen Maske der Autorität steckt ein umso strengerer Befehl.

Ender’s Game. R.: Gavin Hood. USA/Kanada/Vereinigtes Königreich 2013.

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