Exogenes Melatonin als psychedelisches Instrument

 

Träume sind unparteiische, der Willkür des Bewusstseins entzogene,
spontane Produkte der unbewussten Seele.
                          C.G. Jung

 

Melatonin wird vor allem in der Zirbeldrüse produziert, wenn wir uns in der Dunkelheit befinden. Das Hormon wird aber auch in der Netzhaut und im Darm gebildet. In der Nacht steigt die Konzentration bis auf das Zwölffache an. Es vermittelt den biologischen Rhythmus der Schläfrigkeit und bestenfalls einen erholsamen Schlaf. Um Einfluss auf die Schläfrigkeit zu nehmen, kann Melatonin nebenwirkungsfrei exogen zugeführt werden. Dies sollte allerdings nicht regelmäßig geschehen, so dass der Körper sich bezüglich der Rhythmisierung des Schlafes nicht an exogenes Melatonin gewöhnt. Entsprechende kaufbare Präparate sind oft hoch dosiert. Teilweise liegen Dosierungen bei 5 mg. Um Schlaf anzustoßen, reicht aber bereits eine Menge von 0,5 mg 30-60 Minuten vor dem Zubettgehen. Höhere Dosierungen Melatonin, also 2-10 mg, bringen allerdings einen weiteren Aspekt mit sich.

Unter dem Einfluss von psychedelischen Substanzen zeigt unser Gehirn ähnliche Aktivitätsmuster wie beim Träumen. Umgekehrt sollte also auch der Bewusstseinszustand des Träumens für psychedelische Innenarbeit nutzbar sein. Hohe Dosen Melatonin fördern und intensivieren den Traumschlaf. Diese Intensivierung evoziert eine direktere Verbindung von bewussten Anteilen mit unbewussten Anteilen der individuellen Psyche. Wenn bereits Müdigkeit besteht und eine entsprechende Dosis Melatonin zugeführt wird, ist ein verhältnismäßig unmittelbarer Fall in den Traumschlaf möglich. Außerdem wird die luzide Qualität des Träumens erhöht. Infolgedessen ist der Traumzustand vom Wachzustand weniger dissoziiert. Es ist möglich, ihn mit mehr Präsenz von Identitätsstrukturen zu erfahren und zu memorieren. Im Idealfall könnte während des Traumerlebens eine subtile Ahnung, dass man im Bett liegt, aufgrund des raschen Wechsels in den Traumschlaf bestehen bleiben.

Unsere Träume basieren auf einem endlosen Potential für Metaphorik und Allegorie. Die Interpretation der Sinnbildlichkeit des Traums hinsichtlich der zugrunde liegenden Strukturen und Muster ist infolge der Einnahme von Melatonin leichter. Der durch exogenes Melatonin verstärkte Traum ist plastischer und lebensechter. Er besticht durch Klarheit der jeweiligen Traumsituation und Direktheit des Traumerlebens. Dadurch können Trauminhalte besser in den Wachzustand zur Verarbeitung übertragen werden. Da der Traum definierter und mit mehr Präsenz erfahren wird, lässt sich leichter ergründen, welche Strukturen und Muster für das individuelle Unbewusste relevant und ausschlaggebend sind. Deutungsmuster und fixierte Geschichten, die sich dem Wachbewusstsein vorenthalten und dennoch unser Handeln und Welterleben beeinflussen, können durch eine klar erlebte Traumallegorie leichter freigelegt werden. Ein waches Nachvollziehen der sinnbildlichen Grundstruktur führt zur Bewusstwerdung jener individuellen unbewussten Schichten. Traumsemantik sollte aber nicht überschätzt werden: Längst nicht jeder Inhalt hat eine spezifische Bedeutung.

Ausschlaggebender als Traumbilder sind die damit verknüpften Emotionen. Über die mentale Ebene der Interpretation hinaus können die energetischen Strukturen des persönlichen Unbewussten unmittelbarer gefühlt werden. Das bereitwillige Fühlen dieser Strukturen führt zu dessen Verarbeitung und bestenfalls dessen Transzendierung. Es schwelen Gefühle, entstanden in Ereignissen, die Jahre zurückliegen, als energetisches Muster mit spezifischem Auslöser im individuellen Unbewussten. Die Story, an die diese Gefühle gebunden sind, wird im Traum mit neuen Sinnbildern reinszeniert und neu zusammengesetzt. Durch die Plastizität des von exogenem Melatonin verstärkten Traums können noch nicht zu Ende gefühlte Gefühle im intensivierten Traum unmittelbarer erlebt werden. Im Wachzustand haben wir meistens keinen Zugang zu solchen Gefühlen, solange sie nicht in einer spezifischen Situation getriggert werden. Über den Weg der Applikation exogenen Melatonins kann ein direkterer Zugang zu diesen Gefühlen gelegt werden. Die Klarheit der Traumpräsenz unterstützt die Reassoziierung mit jenen im Wachzustand unzugänglichen Anteilen. Auf diese Weise wird eine Verarbeitung jener alten Ereignisse unterstützt.

Natürlich kann exogenes Melatonin auch benutzt werden, um lediglich durchdringendere Träume zu erleben. Dass Melatonin ein psychedelisches Potential hat, ist naheliegend, ist es doch strukturell verwandt mit DMT. Der durch DMT induzierte Zustand des Gehirns hat sowohl neurologisch als auch phänomenologisch signifikante Übereinstimmungen mit dem Traumzustand. Die Intensivierung des Traumzustandes mit exogenem Melatonin ist gegenüber dem radikalen Eingriff der Applikation von DMT eine sehr milde Variante einer substanzbasierten individuellen Bewusstseinsveränderung. Überforderung ist nahezu ausgeschlossen, da das individuelle Bewusstsein im Rahmen der eigenen Traumbedingungen mit den unbewussten Inhalten konfrontiert wird. Abwehrmechanismen des Wachzustandes, die gegebenenfalls Leid – durch Resistenz gegen Unangenehmes – verstärken, spielen im Traum keine Rolle. Die Zufuhr exogenen Melatonins bietet die einmalige Chance, die Kluft zwischen der Dimension des Unbewussten und der Dimension des Alltags manuell zu verringern, ohne dass ein operativer Bewusstseinseingriff geschieht, wie es mit psychedelischen Substanzen der Fall wäre. Der Ansatz ist sowohl in körperlich als auch psychischer Hinsicht unbedenklich – mit der Einschränkung, dass Melatonin nicht regelmäßig eingenommen werden darf, damit es zu keiner biorhythmischen Gewöhnung kommt.

 

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