Kassandra und der alte Mann

Wenn Kassandra spazieren ging, hatte sie das Gefühl, die ganze Welt zu bereisen. Dabei führte ihr Weg lediglich durch den Stadtpark. Eines Sommertags, als sie auf einer Bank saß, sprach sie ein alter gräulicher Herr an: „Ist das nicht ein schöner Tag? Man könnte die ganze Welt umarmen.“ Kassandra sprach selten mit den anderen Menschen. Darum lächelte sie nur kurz ohne etwas zu entgegnen. Der Mann sprach einfach weiter: „Wenn ich die Bäume ansehe, fühle ich mich zuhause.“ Kassandra blieb still. „Wissen Sie, ich habe schon viel erlebt in den letzten siebzig Jahren. Und irgendwann habe ich gelernt, dass das Leben nicht daraus besteht, die Welt zu erobern, sondern die Welt zu umarmen. Wissen Sie warum? Weil es überhaupt nichts zu erobern gibt. Selbst Alexander der Große ist nur noch eine Figur in Geschichtsbüchern und schlechten Filmen. Man kann meinen, er habe die Welt verändert, aber letztendlich war er nur eine weitere Spielfigur der Welt. Die Welt hat sich durch ihn selbst verändert. Nie lag sie ihm zu Füßen. Je mehr man erobern will, desto mehr wird man ein Sklave der eigenen Begierde. Doch wenn man die Welt einfach nur so schätzt, wie sie ist, ist man mit ihr im Einklang.“ Er blickte sie an und schwieg nun. Das war Kassandra keineswegs unangenehm. Sie sah ihm in die ruhigen, glasigen Augen. Als hätte jemand das Programm ausgeschaltet, blendete sich mit einem Mal der gesamte Park aus, bis nur noch die Augen des alten Mannes ihre Wahrnehmung füllten. Da wurde sie in diese Augen hineingezogen und befand sich im Weltall. Sie flog körperlos durch Sternenstaub und Quasare und schoss staunend von einer Galaxie zur nächsten. Sie passierte Wurmlöcher und Sonnenmassen und traf auf Planeten mit verschiedensten Lebensformen und Kulturen. Die unendlich vielen Formen, Farben und variablen Lebendigkeiten der Planetensysteme beeindruckten und entzückten sie so sehr, dass sie ewig hätte weiterreisen können. „Ich will nun gleich mal schauen, dass ich meinen Bus bekomme“, sagte der alte Mann. Was Kassandra wie etliche Wochen, wenn nicht Monate erschien, hatte gerade einmal zehn Sekunden gedauert. Verdutzt entgegnete sie dem alten Mann: „Sie können ja einfach den nächsten nehmen, wenn dieser nicht kommt. Kein Grund, ihn zu erobern.“ „Da haben sie Recht“, sagte der Mann und ging seines Weges.

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