Paul und die Taktyden

Paul war 20, als er sich das Bein brach. Ein falscher Schritt und eine harte Treppenkante. Im Krankenhaus traf er auf Luisa, die ihm den Gips anlegte. „Lieber ein gebrochenes Bein im Gips als ein unbehandeltes gebrochenes Herz“, sagte sie. Paul war sich nicht sicher, ob er den Satz für eine Plattitüde halten sollte, doch die Schmerzmittel gaben ihr Recht. „Hat dein Herz denn Narben?“, fragte er. „Mehr als du ahnen kannst.“ „Aber du bist doch noch jung?“ „Immerhin 25. Die meisten stammen aus meinem Kampf mit den Taktyden.“ „Bitte was?“ Paul war verdutzt. „Wer soll das denn sein?“ – „Du musst gleich aus dem Behandlungszimmer. Wir können uns in einer Stunde in der Cafeteria treffen. Ich erzähl’s dir dann“, sagte Luisa. Ihn reizte es sowohl, Luisa näher kennenzulernen als auch diese Geschichte zu hören. Mit seinen Krücken humpelte er darum geradewegs in die Cafeteria, bestellte sich eine Cola und wartete. Als Luisa zu ihm traf, war er ungeduldig: „Also, wie war das jetzt, gegen wen hast du gekämpft?“ „Gegen Taktyden“, entgegnete Luisa, „am besten ich erzähl das Ganze von vorne. Als ich 19 war, hatte ich mir auch einmal die Hand gebrochen. Der Schmerz war so groß, dass ich von der großen Menge an Schmerzmittel im Krankenhaus eingeschlafen bin. In dem daraufhin folgenden Traum saßen alle Menschen, die mir je nahe standen, an einem riesigen runden Tisch. Ich erzählte ihnen gerade von meiner Fachhochschulprüfung. Plötzlich rief mein Bruder: „Was ist das denn?!“ Vor ihm stand auf dem Tisch ein ungefähr zwei Zentimeter großes, grünliches Wesen mit vier Armen und einer Art Schwanzspirale als Standbein. Der unbehaarte Kopf bestand nur aus einem herzförmigen Mund und die schuppige Haut glich der einer Echse. Bevor ich weiter nachdenken konnte, sprang dieses Wesen an die Brust meines Bruders und fraß sich in sein Herz, so dass er innerhalb weniger Sekunden leblos vom Stuhl fiel. Entsetzt stellte ich fest, dass die anderen Menschen am Tisch gar nicht reagierten. Panisch wollte ich zu meinem Bruder laufen, da rief eine Stimme: „Stopp!“ Dort wo eben noch mein Opa saß, befand sich nun ein eben solches Wesen in menschlicher Größe. „Wir sind gekommen. Du wirst bleiben. Wir sind Taktyden. Dein Herz zu verschlingen.“ Da fielen immer mehr dieser kleinen Viecher von der Decke und sprangen auf die Körper meiner Lieben und gruben sich in deren Brust hinein. Ich lief aus dem Raum hinaus und meine Gedanken überschlugen sich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich tun sollte, geschweige denn, dass ich wusste, was mir gerade überhaupt geschieht. Nur dass ich diese parasitären Mistdinger loswerden musste stand außer Zweifel. Der große Taktyde war mir gefolgt. Ich rannte durch den Flur, bis ich an einem Waschraum vorbeikam, in dessen Ecke ich einen vollen Eimer Wasser stehen sah. In einem Schrank daneben fand ich eine Reihe Reinigungschemikalien, die ich in das Wasser schüttete. Den Eimer wiederum nahm ich, rannte auf den Taktyden zu und schütte ihm mit einigen Meter Abstand die Flüssigkeit über den Körper. Unter lautem Gurgeln fing er an zu zittern, erst leicht, dann immer stärker. Ich entfernte mich wieder langsam, wenngleich ich mich nicht traute, meinen Blick von ihm zu lassen. Seine Haut verfärbte sich bräunlich und bildete Blasen. Als aus dem Zittern ein exzessives Beben geworden war, gab es einen lauten Knall. Sein Körper war explodiert. Für einen kurzen Moment wog ich mich in Sicherheit. Doch dann erkannte ich, dass die Einzelstücke, in die er zerfallen war, ebenfalls Taktyden waren, diesmal in einer Art braunen Kampfrüstung, mit spitzeren Zähnen und einer Schwanzspirale, die noch höhere und weitere Sprünge ermöglichte. Sie stürmten direkt auf mich zu. Ich hastete die Treppen des Gebäudes herunter, bis ich auf der Straße ankam. Ohne mich nochmal umzusehen, rannte ich, wie ich vielleicht noch nie gerannt bin, immer weiter. Die meisten Leute beachteten mich nicht, nur wenige drehten ihren Kopf zu mir herüber. Schließlich kam ich an einem Park mit einem kleinen Hügel an. Keuchend ließ ich mich auf der dortigen Wiese nieder. Mein Herz schlug in der Geschwindigkeit eines Presslufthammers. Als ich mich umsah, hörte ich den Lärm der Stadt, doch sah kein einziges dieser kleinen Monster. Mit einem winzigen Sicherheitsgefühl legte ich mich auf den Rücken und starrte die brennende Sonne an. „Was war nur passiert?“ Diese Frage geisterte immer wieder durch meinen Kopf. Plötzlich spürte ich einen Stich in meiner Brust, als wäre ich von einem Pfeil getroffen worden. Erst sah ich nichts, doch dann entstand eine kleine Beule. Mit ihr wurden auch entsprechende Schmerzen immer größer. Irgendwann riss meine Haut auf, ein furchtbar stechender Schmerz durchfuhr mich. Aus dieser Öffnung kam so ein Ding. Und noch eins. Und noch eins. Irgendwann war meine Brust ein Sammelplatz dieser Viecher. Vor lauter Schrecken was ich derart paralysiert, dass ich mich zuerst nicht rührte. Als ich schließlich etwas zu Sinnen kam, wollte ich mich bewegen und konnte es dennoch nicht. An jeder meiner Extremitäten hatten sich Taktyden festgebissen und im Boden verbohrt. Meine Wahrnehmung bestand aus einem einzigen unbegrenzten Schreckensgefühl. Jedes Ringen war vergeblich und intensivierte nur mein Leiden. Wie das in diesen Höllenqualen möglich war, weiß ich nicht, doch mir kam ein Gedanke: Ergib dich. Das mag nicht sehr begreiflich klingen, doch ich ließ mich innerlich fallen, öffnete mein Herz, schenkte mich den Taktyden. Zuerst hatte ich das Gefühl, nun komplett zerfetzt zu werden. Doch dann strömte ein unglaublich angenehmer, warmer Schauer über meinen Körper. Ich konnte mich wieder bewegen, die Taktyden waren weg und um mich herum saßen all die Leute, die sich zu Beginn am Tisch befanden. Wir sind gekommen. Du wirst bleiben. Wir sind Taktyden. Dein Herz zu verschlingen.“ Paul, dessen Blick kurzzeitig durch die Cafeteria schweifte, sah verdutzt wieder zu seiner Gesprächspartnerin – wo eben noch Luisa saß, sah er nun eine lebensgroße Taktyde.

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