Oculus: Der Spiegel als Horror-Motiv – eine Betrachtung mit Lacan

Spiegel sind ein beliebtes Motiv in Horror-Filmen. In dem neu erschienenen Film Oculus von Mike Flanagan ist ein Spiegel der Dreh- und Angelpunkt des gesamten Kammerspiels. Er ist sowohl der Ausgangspunkt beziehungsweise Beweggrund der Handlung als auch für die weitere Handlung der Figuren verantwortlich. Mit Lacan lassen sich einige Aspekte des Films erschließen, die verständlicher machen, wie und warum der Spiegel als Horrorinstrument funktioniert.

Der Spiegel wird dem Zuschauer in einem ambivalenten Zustand vorgestellt. Er ist einerseits prachtvoll, denn um ihn herum rankt ein imposantes Holzornament. Gleichzeitig wirkt er verkommen, er ist so dreckig, dass er nicht als Spiegel nutzbar ist, und hat einen Riss. Eine solche Ambivalenz finden wir auch in der lacanschen Spiegelerfahrung: Sie dient der Konstitution und Ausschmückung der Ich-Funktion, kann aber niemals perfekt gelingen, weil die erworbene Bild-Matrix nur eine nachträgliche Konstruktion des externen Phänomens ist, geht also gleichzeitig mit der Verkennung einer Entfremdung einher. In Oculus ist der Spiegel durch seine Ornamente ein Verführer. Der Riss und der Verschmutzung weisen auf die Disharmonie und imaginäre Unreinheit hin, die von dem Spiegel ausgehen.

Der Spiegel wird über eine Auktion vorgestellt. Kaylie Russell will ihn unbedingt haben, obwohl sie von seiner tödlichen Macht weiß. So wird er als schockierendes und gleichzeitig begehrtes Element eingeführt. Es kommt dann zur Dreierkonstellation Kaylie – Tim – Spiegel im alten Haus, bei der sich die Grenzen zwischen Realität und Illusion aufheben. Der Spiegel ist unmittelbar mit der Imagination verknüpft. Er thematisiert und erschafft Imagination(en) auf zwei Ebenen der Diskussion der Geschwister: Einerseits werden die ihm zugeschriebenen Wirkungen als Imagination behauptet (Schwester wird vom Bruder dekonstruiert) oder die vom Bruder als Geisteskrankheit interpretierten Imaginationen werden von der Schwester als konstitutive Imagination ausgegeben (er war nie weg, als er glaubt, das Haus verlassen zu haben). Der letzte Fall ist strukturell der lacansche: Die Imaginationsinhalte sind eine durch den Spiegel verursachte innere Präsenz. Der Filmspiegel erzeugt anders als in einem glückenden Spiegelstadium Illusionen, die unmittelbare realitere traumatische Folgen haben. Der Biss in eine Glühbirne symbolisiert die Umkehrung der erbetenen Verhältnisse: Das, was Licht in das Dunkel bringen soll, wird zum Gegenstand der höllischen Leids. Wir haben den Spiegel bereits als Verführer erkannt und können ihm nun ein luziferisches Moment nicht mehr absprechen. Doch um seine Reflektionsfunktion als Horrorgrundlage noch besser nachvollziehen zu können, lohnt sich eine Analyse der Szene, in der die Mutter auf den Spiegel langsam zugeht.

Lacan begreift das Subjekt als durch Anderes bedingtes. Ein glückendes Spiegelstadium setzt eine Verkennung des Ichs als Anderen voraus. Dass der Andere, dessen Bild dem Subjekt als ideales Ich vorgestellt wird, außerhalb liegt, muss zwecks Verinnerlichung verdrängt werden. Doch die Mutter sieht sich im Spiegel tatsächlich als ein Anderer. Diesem Anderen fehlt die emotionale Regung, die sie als Menschen auszeichnet. Gleichzeitig ist es ihr Körper. Das Spiegelstadium wird ohne den konstitutiven Mechanismus der Verkennung inszeniert. Das Subjekt im glückenden Spiegelstadium entdeckt im eigenen Spiegelbild sich selbst als Ganzheit und erlangt darüber die Ich-Konstitution, die positiv ausfällt, weil die Nachträglichkeit dieser Zuschreibung verkannt wird. Im Falle der besprochenen Szene fällt die Verkennung weg – das Spiegelbild ist als ein Anderer entblößt. Damit geht natürlich ein radikaler Verlust des Integritätsgefühls einher, das in der Ego-Ratio-Domäne der abendländischen Welt nur als Horror erlebt werden kann. Doch dem nicht genug – das Andere blickt auch noch starr aus dem Spiegel heraus auf die Mutter und verursacht einen Angstzustand, der ihre Identitätsautonomie erschüttert. In das Loch der fehlenden Ich-Konstitution schaut das Andere und füllt es aus. Eine Störung der Ich-Funktion bei Wahrnehmung einer fremden Instanz in der eigenen Psyche ist das Schema vieler schwerer psychischer Störungen. Es ist also kein Wunder, dass auf diese Weise ein intensives Gruselgefühl erzeugt wird. Der starre Blick des Anderen als Kastrationsomnipotenz gegenüber sowohl der Ich-Funktion als auch dem Ideal-Ich ist ein Horror par excellence. Die Mutter geht danach auf ihre Kinder los. Das Spiegelstadium wird quasi umgekehrt. Es wird keine narzisstische Stabilität erzeugt, sondern diese zerstört und in fremdgesteuerten Wahn überführt. Dass der Spiegel verstört anstatt zu stabilisieren, ist das Grundthema des Films.

Den Spiegel zu zerstören ist in dem Film unmöglich. Das entspricht der Tatsache, dass der Mensch sich einer Spiegelung nicht entziehen kann. Es gibt keine Kontrolle über unsere imaginären Verkennungen. Es gibt generell keine Kontrolle. Unsere Wahrnehmung ist auf einer fundamentalen Ebene verformbar und mangelhaft.¹ Wir können unsere Perspektive nicht objektiv kontrollieren. Es gibt immer das Andere, in das wir eingebettet sind und von dem wir beeinflusst sind. Diesen Umstand kann das Subjekt nur bis zu einem gewissen Grad ertragen, alles darüber führt zur Traumatisierung. Der Film erzeugt seinen Schrecken, indem er jenen Grad stets übersteigt und die Protagonisten einer Traumatisierungskaskade aussetzt, die auf der unübersteigbaren Macht eines Reflektionsinstruments beruht.

Oculus. R.: Mike Flanagan. Vereinigte Staaten 2013.


¹ Vgl. https://www.ruthlessreviews.com/22241/oculus-interpretation 9.12.2014.

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