Sebastian und das Rennen

Das Stadion ist fast vollständig mit Zuschauern ausgefüllt. Die Eintrittskarten waren teuer, die Menschen haben hohe Erwartungen. Inzwischen knien die Läufer hochkonzentriert an der Startlinie, auf die sich ihre Finger stützen. Kein Zentimeter soll verpasst werden. Ihre Augen sind starr auf die Rennbahn ausgerichtet, jede Muskel und Faser angespannt, als müssten sie um ihr Leben rennen. Weniger als eine Minute steht zwischen ihnen und dem Startsignal. Ein zu früher Start führt zur Ausscheidung, ein zu später Start – und hier gilt schon eine Sekunde als zu spät – führt zur Niederlage, zum Verlust, zum Schaden an Ruf und Lebenssituation. Trainiert haben die meisten Läufer in den letzten  Wochen derart intensiv, dass familiäre Zusammenkünfte, freundschaftliche Feiern oder das tiefe Eintauchen in ein Buch ausgeschlossen waren. Der Lauf hin zur die Goldmedaille bestimmte ihren Tagesrhythmus, die Investierung sämtlicher Energien und selbst den Inhalt ihrer Träume. Nun sind die meisten Augen der vielen Tausend Zuschauer auf die zehn Läufer gerichtet. Vor lauter Anspannung rinnen Schweißtropfen über die Wangen. Sebastian bemerkt, wie dem Läufer neben ihm die Beine zittern. Ansonsten haben alle einen Tunnelblick. Nur eine Sache zählt jetzt: Als Erster im Ziel anzukommen. Und wenn schon nicht als Erster, dann möglichst nah am Ersten und keineswegs als Letzter. Schließlich kehrt Stille in das Publikum und damit in das gesamte Stadion ein: Die Pistole wird zum Startschuss in die Luft gehalten. 3, 2, 1. Nach dem ersten Signal recken die Läufer ihr Kreuz in die Höhe. Es knallt. Als hänge ihr Leben davon ab, wetzen alle los. Nur Sebastian ist stehengeblieben. Er schaut sich um. Dann geht er in den Durchgang des Stadions, an den Kabinen vorbei in die Richtung des Ausgangs. Gemächlich durchschreitet er auch diesen, setzt sich auf der Wiese unter einen Baum und lächelt.

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