Was der Buddha bezüglich Leiden nicht bedachte: Emotionale Desintegration auf Beziehungsebene als Ursache von Leiden

 
 

 
 
Der Mensch ist neben dem Schmerz, den eine Existenz als empfindsames Lebewesen unabwendbar mit sich bringt, auch von psycho-emotionalem Leiden betroffen, das er selbst generiert. Eine gängige Metaperspektive auf Leiden und dessen Aufhebung ist die buddhistische, bei der Leiden als kausale Folge von Anhaftung definiert wird. Es ist eine recht entmenschlichte Perspektive, weil sie Verlangen und Anhaftung als Leidensursache ausmacht, aber nicht erörtert, was wir mit dringendem Verlangen und zwanghafter Anhaftung auszugleichen versuchen.

Die sogenannten vier edlen Wahrheiten des Buddhas lauten folgendermaßen:

„Das Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung sind Leiden. Gesellschaft mit dem Ungeliebten ist Leiden, das Gewünschte nicht zu bekommen ist Leiden. Kurz, die fünf Anhaftungen sind Leiden.“  „Und dieses ist die edle Wahrheit vom Ursprung von Leiden: das Verlangen, welches zu weiterem Werden treibt, begleitet von Begierde und Erfreuen, genösse nun hier und nun dort, d. h. Verlangen nach Sinnesvergnügen, Verlangen nach Werden, Verlangen nach Nicht-Werden.“ „Durch das Erlöschen der Ursachen erlischt das Leiden: Das restlose Vergehen bzw. Enden, Abkehren, Abtreten, Aufgeben und Loslassen genau dieses Verlangens.“ „Und dieses ist die edle Wahrheit über den Pfad der Ausübung, der zur Beendigung von Leiden führt: genau dieser edle achtfache Pfad, rechte Ansicht, rechte Entschlossenheit, rechte Sprache, rechte Handlung, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Konzentration.“ „Und was ist Unwissenheit…? Nicht über Leiden wissen, nicht über den Ursprung von Leiden wissen, nicht über Beendigung von Leiden, nicht über den Weg, der zu der Beendigung von Leiden führt, wissen, dieses wird Unwissenheit genannt.“

Prinzipiell spricht nichts dagegen, die Identifikation mit den fünf buddhistischen Anhaftungsebenen „Körper, Gefühle, Wahrnehmung, Geistesformation und Bewusstsein“ loszulassen. Die buddhistische Kernaussage ist, dass wir aufgrund Unwissenheit über die Natur der Realität einem unaufhörlichen persönlichen Verlangen nachgehen. Dieser Blickwinkel berücksichtigt allerdings nicht, dass es eine profane Ursache für inneres Mangelempfinden gibt, die unabhängig des spirituellen Weges aufgehoben werden kann. Das eigentliche Dilemma ist schließlich nicht Verlangen, sondern das imaginäre Loch, das durch Verlangensinhalte gestopft werden soll. Üblicherweise stellt sich das subjektive Defizit in Form negativer Überzeugungen dar, die aus im Kindesalter dissoziierter und auf sich selbst gerichteter Wut entstehen.

In unserer Gesellschaft sind wir kollektiv von Entwicklungstrauma betroffen. Zwar ist das Ausmaß an Bindungstrauma im Individuum sehr unterschiedlich, frei und unbeschwert sind jedoch die wenigsten. Tägliches psycho-emotionales Leid ist weder unabwendbarer Teil der Conditio Humana, noch kann ein Trauma auf Beziehungsebene durch Mediation überwunden werden. Wenn wir alltäglich leiden, ohne einer akuten äußeren Belastung ausgesetzt zu sein, liegt die Ursache meistens in einem dysregulierten Nervensystem. Ein Nervensystem ist dysreguliert, wenn es übermäßig Wut, Angst und Traurigkeit in sich hält. Natürlich sind diese Gefühle an sich keine Störung, denn es gab und gibt  Anlass zu Wut und Traurigkeit. Ebenso gab es Anlass, in unserer diese Gefühle zu verdrängen, damit wir unseren Bezugspersonen nahebleiben konnten, obwohl sie aufgrund eigener Traumatasierung unsere natürlichsten Bedürfnisse nach harmonischer Beziehung nicht zu befriedigen verstanden. Jedoch ist diese verdrängte Aufstauung von Wut und Traurigkeit unser wesentlichster Leidensfaktor.

Verdrängung bedeutet nicht, dass das verdrängte Emotionsparadigma im Alltag keine Rolle mehr spielt, weil es verstaubt im Keller liegt. Verdrängung und Dissoziation bedeuten, dass vorhandene Energie nicht frei fließen kann und dass diese energetischen Blockaden zu Hemmungen der Lebensfreude führen. Im Alltag kann sich das an diversen Symptomen zeigen. Der Buddha sagt, durch das Erlöschen der Ursachen erlischt das Leiden. Entsprechend scheint unsere Aufgabe zu sein, das Energieparadigma von Wut und Traurigkeit wieder ins Wohnzimmer zu holen, damit unser innerer Energiefluss ohne Staudämme, Verengungen und Knappheiten wieder so frei wie in früher Kindheit fließen kann. Angst und Wut sind Körperzustände. Werden sie dicht gestapelt verborgen gelagert, entsteht eine entsprechende Spannung im Nervensystem. Leid in Form von Entwicklungstrauma ist dementsprechend ein Körperzustand.

Nun ist natürlich die Frage, wie wir es anstellen, die erstarrte Energie wieder in Bewegung zu bringen. Wir müssen uns klar machen, dass wir es gegebenenfalls mit kontinuierlich über viele Jahre nicht zu Ende geführten Impulsen zu tun haben. Es sind Angriffs- oder Fluchtimpulse, für die der Körper Energie bereitgestellt hat, deren Vollendung jedoch zurückgehalten wurde. Panik ist eingefrorener Hass. Wut wurde zurückgehalten, weil im Kindesalter unser Überleben von der Bindung an die Eltern abhing, auch wenn sie uns falsch  ten. Oder weil wir Autoritätspersonen wie Lehrern ausgeliefert waren. Oder natürlich im Falle eines Schocktraumas, weil unser Nervensystem den Totstellreflex für die beste Überlebenschance hielt. Die Energien der unvollendeten Impulse liegen dicht gestapelt und oft dissoziiert in den Tiefen unseres Nervensystems. Einerseits kommt es also darauf an, die unangenehmen Gefühle zu erlauben und wieder bereitwillig zu fühlen. Es geht aber nicht darum, in etwas aktiv hineinzugehen und erstarrt auszuhalten. Wir heißen lediglich Gefühle, die sowieso da sind, in unserem körperlichen Bewusstseinsfeld Willkommen, so dass sie neutral sein dürfen, wie sie es bedürfen. Durch daraus folgende Körperbewegungen und Laute kann Gefühltes gemäß dem Prinzip des Weinens ausgedrückt werden. Dies ist insofern ein Gesuch nach Menschen, die authentisch weinen mögen. Eine Anregung, im Tageslicht wieder freier zu fließen, erhalten Wut und Traurigkeit, wenn sie erlaubt und mitgeteilt werden. Das klingt simpel, doch der Verwirklichungsvorgang bedarf Beharrlichkeit, weil es um grundlegende frühkindliche Ebenen geht. Ist ein Mensch reif für Transformation können mit professioneller Unterstützung durchaus wichtige Schritte in kurzer Zeit vollzogen werden.

Therapeutische Methoden, die sich auf das emotionale Körpererleben ausrichten, sind beispielsweise Somatic Experiencing nach Peter Levine oder Somatisch-emotionale Integration nach Dami Charf. Üblicherweise sind wir darauf konditioniert, unangenehmen Gefühlen mit Abneigung zu begegnen. Werden unangenehme Gefühle erlaubt, können sie sich im Raum unserer wertfreien Wahrnehmung bewegen. So kommt eine vitale Dynamik ins alte Erstarrte. Es kann entdeckt werden, dass sich in der Wut-Energie unsere Lebenskraft verbirgt. Tiefe Traurigkeit infolge falscher Behandlungen ist unser ureigenstes Recht. Das Erlauben von Gefühlen impliziert nicht die Projektion oder Übertragung auf andere. Es geht um die Emotion an sich in unserem somatischen Erlebnisfeld, nicht um die Geschichte, die unser Verstand daran meist ziemlich willkürlich knüpft. Auch wenn solche furchtsamen Vorstellungen des Verstandes illusionär sind, ist das Empfinden der Not auf der körperlichen Ebene faktisch vorhanden. Das kann so weit gehen, dass aufgrund einer Projektion real Lebensgefahr empfunden wird. Entsprechend dürfen wir darauf achtgeben, uns nicht zu überlasten. Wir benötigen Ressourcen, die uns erden und in Entspannung überführen können. Im Zweifelsfall kann das ein vertrauensvoller Freund oder verständiger Therapeut sein. Zur Minderung akuter Spannungen existieren spezifische Übungen, die sogenannten Tension & Trauma Releasing Exercises, kurz TRE.

Neben der emotionalen Integration ist es essentiell, neue heile Verbindung mit Menschen zu erfahren. Die Grundlage eines sich in Dysregulation entwickelten Nervensystems sind dysharmonische Beziehungserfahrungen im frühen Kindesalter. Das bedeutet, dass eine Bezugsperson entweder zu nah gekommen ist und Grenzen überschritten hat, oder zu weit weg war und für gesunde Bindung nicht zur Verfügung stand. Die daraus entstandenen Traumastrukturen können wir nicht alleine heilen, weil das Alleinesein selbst daraus hervorgeht. Auch eine rein kognitive Analyse mit einer anderen Person ändert nichts an der neuronalen Dysregulation. Unser Nervensystem benötigt konkrete umittelbare Erfahrungen mit Menschen, die sich heile und sicher anfühlen, um in der Vergangenheit installiertes Kampf- und Fluchtbedürfnis loszulassen. Der derzeit verständigste psychotherapeutische Ansatz dafür ist das Neuro-Affective Relational Modell nach Laurance Heller, kurz NARM.

Unser Nervensystem benötigt also die konkrete Erfahrung, in einem zwischenmenschlichen Bindungskontext sicher zu sein, um sich zu regulieren. Die Dysregulation führt uns entweder in übermäßige Zurückgezogenheit vor Menschen oder übermäßige Verschmelzung mit bestimmten Menschen. Beides ist je nach Prägung eine Art Komfortzone, in der man zwar leidet, aber mit den Bedingungen vertraut ist. Unsere Aufgabe ist, so mutig zu sein, in unbekannte Bedingungen vorzudringen und vorsichtig neue Verbindung mit vertrauenswürdigen Menschen zu suchen, auch wenn unser Impuls ein Rückzug ist. Unsere Aufgabe kann auch sein, mehr für unsere Grenzen einzustehen, obwohl wir enorme Angst vor Trennung verspüren. Es geht darum, die Balance zwischen Autonomie und Verschmelzung zu finden.

Entscheidend ist, mit Menschen authentisch in ehrlichen Kontakt zu treten und dabei unsere somatischen Zustände miteinzubeziehen. Üblicherweise unterhalten wir uns über dingliche mentale Inhalte. Es ist vermutlich noch nie in einer Talkshow vorgekommen, dass die Teilnehmer zuerst mitteilten, wie sie sich fühlen und was gerade in ihren Körpern passiert. Hier liegt der Hund begraben. In der Kindheit konnten wir unsere Gefühle und erfahrene Vernachlässigungen nicht adäquat kommunizieren. Selbst wenn wir sprachliche Formulierungen ausdrücken konnten, wurden sie oftmals nicht von einer verantwortlichen Person adäquat vernommen. Darum sind wir konditioniert, kontinuierlich auf der Ebene gedanklichen Inhaltes zu bleiben, anstatt in echten Austausch über unsere Körperzustände zu gehen. Es geht dabei nicht darum, anderen zu erzählen, welch leidvolles Opfer man doch sei – im Gegenteil sollte die Kommunikation möglichst ohne Identifikation stattfinden. Der Traumatherapeut Gopal Norbert Klein hat dafür ein spezifisches Gruppen-Verfahren entwickelt, das sogenannte Ehrliche Mitteilen in Lokalen Gruppen. Du benötigst aber keine formale Gruppenstruktur, um deine inneren Phänomene ehrlich mitzuteilen. Worauf es ankommt ist ein Gegenüber, dem du   vertraust und dass dir wert- und urteilsfrei begegnet, selbst wenn du sagen würdest „Ich fühle gerade starken Hass“. Die Arbeitswelt ist also selten der angemessene Kontext für solche Transformationsprozesse.

Um unser Nervensystem zu aktualisieren, benötigen wir einen Raum, in dem wir uns bedingungslos und urteilsfrei sicher fühlen. Werden in einem solchen Begegnungskontext innere Phänomene authentisch mitgeteilt, die in der Kindheit nicht kommuniziert werden konnten, und auch ebenso authentisch gehört, kommen erstarrte Energien mehr und mehr in Bewegung. Das Nervensystem merkt, dass es keinen Grund mehr gibt, die energetische Ladung festzuhalten. Zu inneren Phänomenen, die wir Vertrauenspersonen mitteilen dürfen, zählen nicht nur Empfindungen, sondern auch Befürchtungen, was ein Gegenüber einem antun oder lassen könnte. Infolge ehrlichen Austausches entsteht unmittelbarer Kontakt frei von Projektion. Auf dieser Basis kann sich herauskristallisieren, dass die vom Verstand gesponnene Story nicht stimmt, was zu Entspannung führt. Das klingt einerseits sehr einfach und das ist es auch. Andererseits wird unser Nervensystem versuchen, bestimmte Gedanken oder Zustände außen vorzulassen, weil neuronal die Idee angelegt wurde, dass deren ehrliches Mitteilen mit Gefahr verbunden ist. Die psychische Tiefe der meisten Menschen hat viele unbewusste Tabus. Es ist unsere Herausforderung, diese blinden Flecken mit Licht zu füllen und jene tiefen Schichten in einem sicheren Kontext mit anderen zu teilen. Wenn das geschieht, erodieren die Grundstrukturen des Egos, weil Trennungsnarrative entwurzelt werden.

Wenn unser autonomes Nervensystem in Tiefe erfahren hat, dass die Beziehungsebene mit anderen Menschen prinzipiell sicher ist, entsteht Entspannung, Erleichterung und natürlich soziale Verbindung. Dabei geht es nicht darum, dass Wut, Angst oder Traurigkeit nicht mehr auftreten sollen, sondern darum, dass wir nicht in derartigen Gefühlzuständen festhängen. Da Entwicklungstraumatisierung generationenübergreifend verläuft und gesellschaftliche Entfremdungsstrukturen wie das rigide Schulsystem uns täglich prägten, ist die Transformation der Beziehungsebene ein Prozess, der sich aus vielen Erfahrungen heiler zwischenmenschlicher authentischer Begegnung in echter gegenseitiger Wahrnehmung zusammensetzt. Solange diese entwicklungstraumatische Ebene nicht geklärt ist, kann eine Beschäftigung mit dem Loslassen von Anhaftungen ein ähnlich vergeblicher Fluchtversuch sein wie die Anhaftung an Sinnesvergnügen und schlimmstenfalls zu weiterer emotionaler Dissoziation führen. Sehnsucht nach heiler Beziehung ist kein spirituelles Problem, sondern somatische Urgrundlage jedes Säugetiers. Damit wir die Identifikation mit dem Körper und den Gedanken auf eine gesunde Art loslassen können, sollten wir zuerst überhaupt integrativ im Köper ankommen. Fühlen wir uns in menschlicher Verbindung sicher und geliebt, verliert sonstiges Verlangen seine Dringlichkeit. Fühlen wir uns in einem menschlichen Miteinander gut aufgehoben, wird zwanghafte Anhaftung aufgehoben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.