Warum psychische Krankheiten keine sind – eine neurozeptive Perspektive

in Balthazar Santos e Mattoso Santos, Atlas de Zoologia, 1907

Zugegebenermaßen ist der Titel plakativ. Natürlich ist emotionales Leiden ein psychisches Problem und hat Vorgänge im Gehirn. Allerdings wird es schwer zu behaupten, dass jemand, der aufgrund einer Schilddrüsenfehlfunktion unter Depression leidet, eine psychische Krankheit hat. Ist die Schilddrüsenfehlfunktion behoben, verschwindet auch die Depression. Der Grund des Leidens lag im Körper und wurde dort behoben. Dieses Prinzip gilt jedoch nicht nur im Fall einer Schilddrüsenfehlfunktion, sondern für die meisten psychischen Leiden.

Die kassenärztliche Versorgung hat zwei Angebote für Menschen, die unter sogenannten psychischen Störungen leiden: psychoaktive Substanzen zur Symptomunterdrückung und Gesprächstherapie, bei der es um Verstehen und ebenfalls Symptomminderung geht. Ein Angebot zur Heilung ist nicht vorhanden. Das liegt daran, dass eine falsche Vorstellung von der Problematik vorliegt. Beide Ansätze glauben den Kern des Problems im Gehirn, medizinisch als neurochemische Dysbalance und psychotherapeutisch als kognitive Verzerrungen. Wenngleich da phänomenal etwas dran ist, liegt die Ursache woanders: im autonomen Nervensystem (ANS).

Üblicherweise wird das ANS in Sympathikus und Parasympathikus unterteilt. Der Sympathikus ist für Aktivierung, der Parasympathikus für Entspannung. Die Polyvagal-Theorie von Steven Porges nimmt eine weitere Unterscheidung vor: Der Parasympathikus wird unterteilt in einen ventralen und einen dorsalen Zweig. Dieser dorsale Vagus ist evolutionsgeschichtlich älter und bei allen Reptilien vorhanden. Eine Überaktivierung dient dazu, bei Lebensgefahr bewegungslos zu bleiben und ist verantwortlich für Immobilisation (Totstellreflex). Der ventrale Vagus hingegen ist nur bei Säugetieren vorhanden. Er ist zuständig für ein Gefühl von Sicherheit, Kontaktfreudigkeit und sozialen Engagements. Die Zweige sind sozusagen zwei gegensätzliche Pole des Nervensystems mit dem dazwischenliegenden Sympathikus, der Energie für Kampf und Flucht (oder auch für Spiel bei gleichzeitiger Aktivierung des ventralen Vagus) mobilisiert. Der Polyvagal-Theorie wird öfters vorgeworfen, dass einige ihrer biologischen Details nicht erwiesen sind. Dieser Umstand nimmt der Tatsache aber nichts, dass durch die Polyvagal-Theorie informierte Traumatherapie in Heilung zu überführen vermag und sie das beste Modell des Nervensystems bietet, das wir haben. Zum Verständnis unserer Psychodynamik benötigen wir die Polyvagal-Theorie nicht als detailreichen physikalischen Fakt, sondern als skizzenhafte Grundlage.

Die üblichen psychischen Störungen sind in der Regel Traumasymptome. Psychische Leiden basieren üblicherweise auf einem dysregulierten Nervensystem. Infolge einer Traumatisierung ist der Sympathikus chronisch mit einer hohen Ladung aktiviert. Er hält permanent eine Kampf-oder-Flucht-Energie bereit, die nicht durch willentliche Entscheidung losgelassen werden kann. Die Folge sind emotionale Imbalance und fehlende Stressresistenz. Im Moment eines Schocktraumas springt der dorsale Vagus direkt in die Überaktivierung, um in der Situation das Überleben zu gewährleisten. Bei einer strukturellen Traumatisierung im Sinne eines Entwicklungstraumas gilt: Je stärker die ungelöste Energie im Sympathikus sich auflädt, desto höher die Wahrscheinlichkeit der Überaktivierung des dorsalen Vagus – ein Verzweiflungsversuch des Körpers der Herstellung von Balance. In beiden Fällen bleibt das Nervensystem in der Konstellation stecken. Die Folge sind Dissoziation, unverhältnismäßige Angstzustände und Depression. Der innere Körperzustand der dysregulierten Konstellation des Nervensystems wird neurozeptiv immer wieder auf die Außenwelt (also Personen und Situationen) projiziert, unabhängig davon, wie lange die Traumatisierung her ist und wie wenig die äußeren Bedingungen tatsächlich eine Gefahr darstellen.

Eine festgehaltene Ladung starker Emotion und ein infolgedessen eintretender Freeze-Zustand sind der Grundzustand eines traumatisierten Menschen. Ein Entwicklungstrauma wird dadurch verursacht, dass die Eltern nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse des Kindes nach Geborgenheit zu stillen. Für eine Traumatisierung reicht es, wenn ein schreiendes Kind alleine gelassen wird oder die Mutter aufgrund eigener Traumatisierung für eine adäquate Verbindung nicht zugänglich ist. Ungelöstes Trauma wird unbewusst an die nächste Generation weitergegeben. Im Kind lädt sich zunehmend Wut auf, deren Ausdruck den Eltern gegenüber aber mit Trennung und damit mit Lebensgefahr verbunden ist. Infolgedessen dissoziiert das Kind die Wut und projiziert sie gegebenenfalls auf sich selbst. Verdrängte Wut wird zu Zorn oder Hass komprimiert und zeigt sich schließlich in Form eines psychischen Symptoms, z. B. Selbsthass bei Depressionen, böse Stimmen bei Schizophrenie oder extreme Selbstkritik bei Zwangsstörungen.

Schocktraumata sind insofern leichter zu lösen, weil lediglich ein bestimmter Kampf-oder-Flucht-Reflex nicht vollendet werden konnte, während sich bei einem Entwicklungstrauma das Nervensystem sukzessiv in den dysregulierten Zustand hinein entwickelt hat. Wichtig ist zu verstehen, dass das Nervensystem nicht etwas falsch gemacht hat. Es hat sich so verhalten, dass in der jeweiligen traumatischen Situation Überleben bestmöglich gesichert war. Dementsprechend ist es nicht so, dass mit unter psychischen Störungen leidenden Menschen etwas fundamental nicht stimme. Sie sind im Gegenteil Helden, die stark belastende Situationen überlebt haben. Lediglich das Nervensystem hat kein Verständnis von Zeit und kann die Dysregulation darum nicht von selbst wieder auflösen.

Wie das Gehirn die Dysregulation des ANS verarbeitet, hängt sowohl von genetischer Disposition als auch von den spezifischen Bedingungen der Traumatisierung ab. Die Ausgangslage ist aber immer gleich. Auf der Dysregulation des ANS basieren wiederkehrende Depression, alle denkbaren Formen an Angststörungen, soziale Störungen, Zwangsstörungen und Persönlichkeitsstörungen. Autismus ist ein Sonderfall und wird hier außen vorgelassen. Wie häufig bei ADS ein Entwicklungstrauma zugrunde liegt, bleibt fraglich, aber es kann definitiv die Grundlage sein. Auch Schizophrenie ist ein spezieller Fall. In psychotischen Zuständen hat sich das Gehirn mehr vom Nervensystem abgenabelt und spinnt verstärkt eine eigene Story. Der Auslöser dafür kann eine Traumatisierung sein, wie häufig diese Kausalität besteht, ist offen. Aber eines liegt nahe: Ohne Traumatisierung keine Persönlichkeitsstörung, keine rezidivierenden Depressionen, Zwangs- und Angststörungen. Da die Primärtraumatisierung in den ersten Lebensjahren und gegebenenfalls sogar pränatal geschieht, kann sie meistens nicht erinnert werden. Auch eine Abhängigkeitsstörung ist oft auf ein dysreguliertes ANS zurückzuführen, da mithilfe der Substanz das Nervensystem in Regulation gebracht wird.

Es ist natürlich sinnvoll, wenn Menschen durch klassische Gesprächstherapie ihre Lebenssituation besser zu verstehen vermögen und kognitive Verzerrungen bewusst machen. Es ist auch OK, wenn Menschen sich an psychoaktiven Substanzen bedienen, um Lebensqualität zu erhöhen und Überforderungen zu vermindern. Aber es muss von Ärzten, Therapeuten und Klienten gleichermaßen begriffen werden, dass Heilung nicht auf diesen Ebenen geschieht. Es ist nicht möglich, über Kognition tief eingeprägte Überlebensstrategien aufzulösen. Und jede Regulation des ANS, die über psychoaktive Substanzen erzeugt wird, ist nur temporärer Natur.

Heilung ist möglich und sie ist hauptsächlich ein somatischer Prozess. Das ist im Grunde eine gute Nachricht: Für Heilung muss man weder viel nachdenken noch sich an die Vergangenheit erinnern. Man braucht stattdessen innovative Verbindungserfahrungen mit Menschen, die sich sicher anfühlen und das Traumaschema überschreiben, sowie wohldosiertes Wiederverbinden mit dissoziierten Gefühlen ohne identifikatorische Anhaftung. Heilung ist die Überführung festsitzender Kampf-oder-Flucht-Energie in fließende Lebensenergie und Aktivierung des ventralen Vagus durch menschliche Verbindung. Traumatherapeuten, die in Somatic Experiencing oder dem Neuroaffective Relational Model ausgebildet sind, können dabei weiterhelfen. Floating nach Gopal Norbert Klein ist ein weiteres Verfahren, das in kurzer Zeit viel bewirken kann. Leider ist das Angebot somatischer traumaheilender Verfahren noch sehr rar und muss in der Regel selbst bezahlt werden.

Sogenannte psychische Störungen sind also oft keine Krankheiten der Psyche, sondern Ausdruck eines dysregulierten Nervensystems. Der Sympathikus ist mit Kampf-oder-Flucht-Impulsen überlastet und das, was innerhalb der Polyvagaltheorie als dorsaler Vagus bezeichnet wird, bewirkt Immobilisation und Abspaltung. Die Geschichte, die das Gehirn daraus spinnt, ist sekundär und dementsprechend ein Symptom. Wenn das Nervensystem in die Regulation überführt wird, hat die Psyche keine Grundlage mehr für jene diversen Störungsphänomene. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis der therapeutische Mainstream das erkannt und sich danach ausgerichtet hat?

Literatur:
Dana, D.: The Polyvagal Theory in Therapy: Engaging the Rhythm of Regulation. 2018.
Heller, L.; LaPierre, A.: Healing Developmental Trauma: How Early Trauma Affects Self-Regulation, Self-Image, and the Capacity for Relationship. 2012.
Klein, G. N.: Heilung von Beziehungen I & II. 2019.
Porges, S.: Pocket guide to the polyvagal theory. 2017.

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