Elemente der DMT-Erfahrung in The OA (Pt. II)

Dieser Text enthält Spoiler. Er setzt sowohl die Rezeption der Serie als auch die Kenntnis einer Terminologie rund um die DMT-Erfahrung voraus. N,N-Dimethyltryptamin ist eine körpereigene Substanz, die bei exogener Zufuhr unmittelbar tief visionäre Zustände erzeugt und insbesondere kombiniert mit MAO-Hemmern ein enormes therapeutisches Potential besitzt.

Die Netflix-Serie „The OA“ besticht durch eine komplexe Multiverse-Story, die trotz allem mystischen Touch nicht aufgesetzt wirkt. Die Serie spielt hauptsächlich in der alltäglichen Welt, strukturiert ihren Plot aber über Ausflüge in andere Bewusstseinszustände und kreiert eine Synthese aus der geläufigen Wirklichkeit und Mystery. Die traumartige Plotstruktur verschafft ihr das Charisma eines postmodernen Magischen Realismus. Eines ihrer zentralen Motive ist die Nahtoderfahrung (NTE). Interessanterweise finden sich in der zweiten Staffel allerlei Aspekte, die auch in der DMT-Erfahrung  subjektiv erlebt werden. Die Serie kann insofern als Anschauungsobjekt von Überschneidungen der NTE und der DMT-Erfahrung herhalten. Es folgt eine Übersicht einiger Aspekte.

 

Heilige Geometrie

Visuell ist der Inhalt der DMT-Erfahrung bei vielen Menschen enorm von Geometrie geprägt, die zu einer Mitte ausgerichtet symmetrisch exorbitant den Maßen sogenannter Heiliger Geometrie entspricht. Diese geometrische Dimension der DMT-Erfahrung wird gelegentlich als Chrysanthemum bezeichnet, weil sie der Optik der Chrysantheme gleicht. In The OA Pt. II befinden sich entsprechende Muster an zentralen Stellen. So ist der Raum, in dem die Träume aufgezeichnet werden, die für die Auflösung der Staffel eine zentrale Rolle spielen, entsprechend eingerichtet.

Auch das Bleiglasfenster, durch das Karim als Auserkorener das Portal in eine andere Dimension öffnet und Michelle rettet, ist dermaßen gestaltet. Die Ausrichtung dieser Muster drückt eine Einheit aus, die sich in unterschiedlichen Formen mit fraktaler Selbstähnlichkeit als Grundlage exorbitant gestaltet. Das Fenster beleuchtet den Dachboden und befindet sich zentral an der frontalen obersten Stelle des Hauses, also dort, wo sich nach dem Chakren-Konzept das Stirn-Chakra befindet. Dieses sogenannte „dritte Auge“ wird oft mit den visionären Zuständen der DMT-Erfahrung in Verbindung gebracht. Zum Ende der zweiten Staffel wird das Fenster zum „dritten Auge“ Karims, der dadurch in die Dimension blickt, aus der er Michelle errettet.

 

Nondualität

Karim trifft im Haus auf einen Ausschnitt aus dem Gedicht „Little Gidding“ von T.S. Eliot.

We shall not cease from exploration,
and the end of all our exploring will be
to arrive where we started
and know the place for the first time.

Die erste Zeile entspricht der Tatsache, dass die DMT-Erfahrung kein abgegrenztes Territorium ist, dessen Erforschung zu einem definitiven Ende finden könnte. Sie ist wie das Leben selbst in ihren Varianten unendlich. Noch bezeichnender ist aber die Ausführung, dass das Ende aller Erforschung bedeute, an dem Platz anzukommen, von wo alles begann und dass dieser Platz neu erkannt werde. Dies entspricht der Phänomenologie einer vollen nondualen Erfahrung, die über eine reine Breakthrough-Erfahrung hinausgeht. Unter DMT wird dieser „Platz“ nicht regelmäßig betreten. Eine hohe Dosis in Kombination mit einem klaren Geist mag die Tür dahin aber öffnen: Pure Selbstrealisation. Es ist der Wegfall der Illusion der Separation, aus dem die Erkenntnis folgt, dass nie etwas anderes existiert als das eine wahre Selbst. Der nonduale Aspekt kommt auch an anderen Stellen zur Geltung, wenn dissoziative Zustände aufgehoben werden, beispielsweise wenn Prairie Nina integriert. Relevant ist die in der Serie wiederkehrende Betonung der Balance zwischen Gut und Böse: Prairie entdeckt z. B. Anteile von Hap in sich und die unbekannte Reisende macht aus dem Grund der Balance beiden ein Geschenk.

 

Viele-Welten-Theorie

Die Viele-Welten-Theorie stammt aus der Quantenphysik und besagt, dass mit jeder Observierung eines quantenmechanischen Werts eine Aufspaltung in alle möglichen Realisierungen des Wertes geschieht. Dementsprechend ginge aus jedem möglichen Vorgang jede Möglichkeit des Vorgangs als Welt hervor. The OA setzt die Theorie der vielen Welten konkret um: Die Figuren reisen in und durch verschiedene Dimensionen, die nichts anderes sind als unterschiedliche Entwürfe der Welt basierend auf der Gabelung durch einen bestimmten Vorgang. Die Protagonistin betritt mehrmals darüber hinaus eine transzendente Zwischendimension, die eine Überschau der irdischen Welt ermöglicht. Viele Menschen berichten von ihrer DMT-Erfahrung als eine Reise in eine andere Dimension. Teilweise werden lebensechte Eintritte in eine andere irdische Szenerie beschrieben, wie es die Figuren von The OA in ihren NTE erleben. Oft wird aber auch der Eintritt in eine Dimension erfahren, die den Tod zu transzendieren scheint. Eine solche transzendente Dimension, die die Paralleluniversen überschaut und als Hyperspace bezeichnet werden könnte, wird von Prairie mehrmals betreten.

 

Nonverbale Kommunikation mit Entitäten

Regelmäßig kommt es vor, dass Menschen davon berichten, in ihrer DMT-Erfahrung nonverbalen Kontakt mit einer Entität gehabt zu haben. Solche Entitäten sind oft mit einer großen Weisheit ausgestattet. Inwiefern das Bewusstsein hier mit vorher dissoziierten Anteilen von sich selbst kommuniziert, sei dahingestellt. In The OA spielt jedenfalls auch dieser Aspekt der DMT-Erfahrung eine Rolle. In jener transzendenten Dimension trifft Prarie auf Kathun. Diese überwacht scheinbar die Übergänge zwischen Leben und ermöglicht es Prairie, in ihr altes Leben zurückzukehren. Beim zweiten Aufeinandertreffen überreicht Kathun Prairie eine Taube, die symbolisch für eine der fünf Bewegungen steht, die wiederum für die Reise zwischen den Welten entscheidend sind. Eine andere Entität, die ebenfalls mit großer Weisheit, die die lineare Zeit übersteigt, ausgestattet ist, hat den Spitznamen Old Night und die Erscheinungsform eines riesigen Oktopusses. Prairie trifft ebenso unerwartet und spontan auf ihn, wie auch die durch DMT induzierte Entitätserfahrung nicht vorhersehbar ist.

 

Bewusstsein und Träume

Rick Strassmann, dessen berühmtes Buch DMT den Spitznamen „Molekül des Bewusstseins“ verpasst hat, formulierte die Theorie, dass endogenes DMT mit der Biochemie des Träumens zusammenhänge. Sowohl der Aspekt des Bewusstseins als auch der Aspekt des Träumens sind für den Plot von The OA maßgeblich. Hap spricht in der zweiten Staffel explizit davon, dass es darum ginge, das Mysterium des Bewusstseins zu enträtseln.  Schließlich ist es Bewusstsein, das alle Dimensionen durchdringt beziehungsweise sie erst ermöglicht.  Träume wiederum sind in der Serie vor allem ein Mittel der Präkognition und unterliegen somit nicht der linearen Zeit. Das entspricht der DMT-Erfahrung, die die üblich erfahrene Raumzeit konsequent aufhebt und transzendiert.

 

Die Nahtoderfahrung als zentrales Motiv

Der Plot von The OA wird maßgeblich von Nahtoderfahrungen bestimmt. Es gibt etliche Übereinstimmungen zwischen den Berichten einer NTE und den Berichten über DMT-Erfahrungen. Darüber schreibt sogar das Deutsche Ärzteblatt:

“Menschen, die dem Tod sehr nahe gekommen sind, berichten über Gefühle von innerem Frieden, außerkörperlichen Erfahrungen, Reisen durch eine dunkle Region oder eine „Leere“ (gewöhnlich mit einem Tunnel verbunden) und Visionen eines hellen Lichts. Einige wollen auch in ein „überirdisches Reich“ eingetreten sein und dort mit besonders empfindungsfähigen „Wesen“ kommuniziert haben. […] Sogenannte Nahtoderfahrungen, über die gelegentlich Patienten nach erfolgreicher Reanimation eines Herzstillstands berichten, wurden in einer randomisierten Studie in Frontiers in Psychology (2018) durch […] DMT ausgelöst.”

Inwiefern die Autoren von The OA tatsächlich von DMT inspiriert sind, bleibt offen.  Die jeweiligen Elemente sind so subtil in die Story eingebaut, dass sie nicht als definitiv auf einer DMT-Erfahrung basierend erklärt werden könnten. Gerade die Übereinstimmungen zwischen der DMT-Erfahrung und der NTE könnten dafür sprechen, dass die Autoren ihre Inspiration vor allem aus NTE-Berichten bezogen.

 

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